Das noch nicht vorhandene Taliban-Regime wird von allen Seiten umschwärmt

Aufständische im Pandschir-Tal

Die einstigen Terroristen werden nun als Machthaber hofiert. am klarsten spricht sich Wladimir Putin über die Realpolitik aus, derweilen toben noch Kämpfe um das Panschir-Tal und es wird klar, dass sich unter die geretteten Afghanen auch unerwünschte Gäste gemischt haben.

Noch tun sich die Taliban offenbar schwer, eine Regierung zu bilden. Eigentlich sollte sie diese Woche verkündet werden, jetzt wurde die Entscheidung auf nächste Woche verschoben. Ein Problem sind nicht nur die unterschiedlichen Fraktionen, sondern auch das von außen auferzwungene und innenpolitisch zur Akzeptanzfindung notwendige Vorhaben, irgendwie inklusiv zu sein. Das ist kaum vorstellbar, weil dann die fundamentalistischen Kräfte einen Aufruhr machen würden, wenn etwa Frauen, die wirklich etwas zu sagen haben, mit an die Macht kämen – und vielleicht auch noch ihr Gesicht zeigen. Und dann ist das Land ja auch nicht vollständig in der Hand der Taliban. Klar scheint nur zu sein, dass Mullah Baradar, Mitbegründer der Taliban, also schon einmal kein neues oder junges Gesicht, an der Spitze der Regierung stehen wird.

Es gibt den Islamischen Staat (IS-k) auf der einen Seite und auf der anderen die Aufständischen im Pandschir-Tal, denen sich Truppen der früheren afghanischen Armee angeschlossen haben, unter der Leitung von Ahmad Massoud und des ehemaligen afghanischen Vizepräsidenten Amrullah Saleh. Beide Seiten haben Gespräche angekündigt, aber daraus ist nichts geworden. Es finden Kämpfe statt, genaueres weiß man nicht. Die Taliban hatten verkündet, sie hätten das Tal eingenommen, in der Nacht kam es daraufhin zu Siegessalven in Kabul, Menschen wurden getötet und verletzt, die Taliban verboten daraufhin Luftschüsse. Die Widerstandskräfte erklärten, sie hätten den Angriffen standgehalten, es seien viele Taliban getötet worden, sie würden weiter kämpfen. Man hört auch von anderen Regionen, dass die Taliban nicht überall erwünscht sind. Und es gibt einige Warlords, die erst einmal geflohen sind und wie andere abwarten.

In einem Video, das gestern aufgenommen worden sein könnte, spricht Massoud angeblich zu Taliban im Pandschir-Tal, die in den letzten Tagen in Khwak und Gulbahar gefangen genommen wurden. Er erklärt, Pndschir sei auch ihre Heimat und sie könnten bleiben, solange sie wollen. Das reißt die Taliban zu Begeisterung hin, zumindest auf dem Video. Das würde bedeuten, wenn es denn stimmt, die Taliban-Kämpfer lassen sich schnell umdrehen, aber auch, dass die Widerstandskämpfer nicht sonderlich vorsichtig sind.

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Vorbereitung zur Ankündigung der Regierung. Bild: 1TVNewsAF

Auffällig ist, wie sich viele Staaten darum drängeln, wenn schon nicht diplomatische Beziehungen mit den Taliban aufzunehmen, aber doch ihre Botschaften in Afghanistan offen zu lassen oder wieder eröffnen zu wollen. Mit den Terroristen, gegen die der Westen bislang gekämpft hat, müsse man jetzt sprechen, heißt es auf einmal aus der EU. Es gehe nicht um eine Anerkennung, aber statt mit Waffen soll nun mit Geld gesichert werden, dass die Taliban zumindest ein bisschen auf Inklusion machen und nicht zu krass Menschenrechte verletzen, vor allem keinen anderen islamistischen Terroristen einen Unterschlupf bieten, obgleich gerade schon die Rede davon ist, dass die Taliban mit al-Qaida gegen die Aufständischen im Pandschir-Tal kämpfen.

Ob die Taliban dem Islamischen Staat Gebiete überlassen (müssen), ist wahrscheinlich, zumal nun vermehrt islamistische Abenteurer nach Afghanistan ziehen werden. Außenminister Maas meint nachsichtig, man müsse Geduld haben. Entscheidend ist für alle, weiter einen Fuß in Afghanistan, unter welcher Herrschaft auch immer, zu haben, wie man das auch in Syrien gemacht hat. Die westlichen Staaten stehen unter Druck, weil sie in der kurzen Zeit nicht alle aufnahmeberechtigten Ortskräfte, also Afghanen, die im Dienst der westlichen Militärs oder von westlichen Organisationen gearbeitet haben, mitnehmen konnten.

Dazu kommt nun, dass unter den von der Bundeswehr Abtransportierten offenbar viele Afghanen ohne bzw. mit gefälschten Papieren und auch bereits abgeschobene Kriminelle oder solche waren, die unter Beobachtung standen, das BMI spricht von „sicherheitsrelevanten“ Personen. Man hat im Chaos am Flughafen nicht die Personalien überprüft, sondern erst bei Ankunft. Neben Ortskräften und ihren Familien haben sich auch die in die vorgedrängelt, die sich durch die Menge wühlen konnten, natürlich ein interessantes Thema für Bild.

Und da gibt es natürlich die großen Widersacher des Westens, China und Russland, die sich schnell mit den Taliban angefreundet haben, um sicherzustellen, dass aus dem Land keine islamistischen Kämpfer zu ihnen kommen. Schließlich gab es beim Islamischen Staat viele Uiguren und Tschetschenen, auch al-Qaida ist eine internationale Gruppe. Schon jetzt sollen sich an die 10.000 ausländische Kämpfer im Land befinden, das Islamische Emirat wird weitere anziehen, zumal wenn es das Land nicht vollständig kontrollieren kann – und das wird es ebenso wenig können, wie  Pakistan die Grenzgebiete und die pakistanischen Taliban in der Hand hat – und wie dies die Sowjetunion und später die Nato mit großen Militärapparaten vermochten.

Während der Westen sein Vorgehen wie stets mit Menschenrechten garniert, die geschützt werden sollen, auch wenn dadurch wie in Afghanistan die Taliban gestärkt und der Islamismus weltweit verbreitet wurde, wollen die Nachbarstaaten vor allem eins: Ruhe und Stabilität. Das ist auch immer die Hauptmaxime von Wladimir Putin gewesen, für den Stabilität und damit Kontrollierbarkeit in seinem Macht- und Einflussbereich oberste Priorität. So wird Lukaschenko gestützt,  Ramsan Kadyrow in Tschetschenien installiert, Baschar al-Assad an der Macht gehalten, während die größte innenpolitische Angst vor einer russischen Maidan-Bewegung ist.

Auch in Afghanistan hat Putin, was man auch als Realismus sehen kann, was sich aber darin nicht erschöpft, gleich versucht, sich mit den Taliban gut zustellen. Sie sind Gegner der USA, aber eben auch neue Machthaber, weswegen Moskau sich mit ihnen zu arrangieren suchte, obgleich der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus ansonsten auch oben angesiedelt ist. Aber was dem Westen die gemäßigten Widerstandskämpfer in Syrien sind, ist dem Putinismus der gemäßigte islamistische Terrorist in Gestalt der Taliban, die im Gegensatz zu den globalistischen al-Qaida oder IS angeblich nur nationalistisch orientiert sind.

Wladimir Putin auf dem Eastern Economic Forum. Bild: Vladimir Smirnov/TASS/Kreml/CC BY-SA-4.0

Putin erklärte gestern in einer Rede, dass die Taliban, die zwar in Russland verboten sind,  „fast ganz“ Afghanistan kontrollieren. Man müsse sich also „von der Realität leiten“ lassen, also die vermutlichen Loser der Widerstandskämpfer, die für ein eher säkulares Afghanistan stehen, hängen lassen. Realität heißt bei Putin, alles zu unterstützen, was Stabilität, wozu in erster Linie der Bestand des Territoriums gehört, und damit Berechenbarkeit gewährleistet, also: „Russland ist nicht an einem zerfallenen Afghanistan interessiert. Wenn das geschieht, wird es niemanden geben, mit dem man sprechen kann.“ Die Perspektive ist auch deswegen interessant, weil Putin zur Wiederherstellung der territorialen Integrität Baschar al-Assad unterstützt, ansonsten aber nichts gegen eine territoriale Desintegration hat, wenn es wie in der Ostukraine, Transnistrien, Südossetien, Abchasien oder Nagorno-Karabakh eigenen Interessen dient.

Um die kaltschnäuzige Machtpolitik  zu rechtfertigen, jetzt auch mit islamistischen Terroristen zu paktieren, verweist Putin auf die USA. Das seien eigentlich pragmatische Menschen, die aber 1,5 Billionen US-Dollar für ein Desaster ausgegeben hätten. Anderen Ländern dürfe man nicht eigene Vorstellungen überstülpen, was auch impliziert, dass es nach dem Machtkalkül egal ist, ob es sich um eine Diktatur oder eine Demokratie handelt: „Wenn ein Land Demokratie benötigt, wird sie diese letztlich herstellen, es gibt keine Notwendigkeit, dies mit Gewalt zu tun.“

Der Westen sei verblendet, er setze die Politik auch nach Afghanistan fort. Nicht nur mit Gewalt, sondern auch mit Sanktionen, die ebenfalls seine Maßstäbe durchsetzen sollen. Es gebe aber noch Hoffnung, dass die westlichen Länder „erkennen werden, dass der Versuch, andere Nationen zu zivilisieren, eine gescheiterte Politik“ sei. Die Frage wird also interessant werden, ob Putin mit seiner Schmusepolitik gegenüber den Taliban erfolgreich sein wird bzw. wie Erfolg oder Scheitern hier definiert werden müssen. Allerdings steht er hier ja nicht allein, letztlich versuchen auch viele westlichen Länder jetzt durch Anerkennung mit dem Taliban-Afghanistan klar zu kommen. Forderungen nach Menschenrechten oder Demokratie sind da auch nur zweitrangig.

1 Kommentar zu Das noch nicht vorhandene Taliban-Regime wird von allen Seiten umschwärmt

  • Bei aller Kritik, auch gegen Russland(leider auf den Präsidenten) verdichtet. Was sollte denn gemacht werden. Nach wessen Definition ist denn Demokratie zu sehen was jemand anderes umsetzen soll.
    Ist nicht die Frage wie können die Interessen durchgesetzt werden ohne dabei zu schießen.
    Was doch gut beschrieben ist, ist wie das Land organisiert ist durch Stammeshäuptlinge, die sofort die Seite wechseln wenn sie einen Vorteil dabei sehen. Hier ist es ja ähnlich mit den Kurden. Die hängen in der Luft weil sie sich auf westliche Partner verlassen haben. Der Natopartner Türkei kann das Völkerrecht beugen das es wie eine Acht aussieht und es wird nicht geändert, eher noch Milliarden überwiesen.
    Die Frage Putins wer denn Syrien regieren soll wenn al-Assad weg ist, wird nicht beantwortet. Die Antworten des Westen die ihre eigene Definition von Demokratie nicht durchhalten, kann gut an den Waffen gemessen werden in ihren Demokratiegebieten.
    Jetzt muss nur noch was zu China her.

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