Der russische Diplomat, der aus der Botschaft in Berlin tot auf die Straße stürzte

Sonderlich hoch ist das Gebäude der russischen Botschaft an der Behrenstraße nicht. Bild: A. Savin/CC BY-SA-3.0

War es Selbstmord oder Mord? Gibt es Verbindungen zum Tiergartenmord und Nawalny? Bellingcat strickt an Suggestionen, die Medien weiter verbreiten.

Nach Bellingcat ist der 35 Jahre alte Mann, der am 19. Oktober tot vor der russischen Botschaft gefunden wurde, der Sohn von General Alexey Zhalo, der Vizedirektor des 2. Dienstes des FSB und Chef der FSB-Direktion für den Schutz der verfassungsgemäßen Ordnung. Der Diplomat soll nicht nur der Sohn eines Geheimdienstchefs gewesen sein, sondern selbst als verdeckter FSB-Geheimdienstagent gearbeitet haben, wie der Spiegel berichtet.

Wenn Bellingcat, gerne Rechercheorganisation genannt und mit einer antirussischen Mission unterwegs, mit im Spiel ist, sollte man aufhorchen. Bellingcat konstruiert in der Regel Verdächtigungen mit nicht gerichtsfesten Mitteln und liefert „Erkenntnisse“, die offizielle Institutionen oft nicht selbst behaupten wollen. Vor allem bringt die Organisation Vermutungen in Umlauf, die von Medien weitergereicht werden, was die öffentliche Meinung beeinflusst und das wohl auch soll, schließlich ist Bellingcat auf Geldgeber angewiesen.

Ob er der Sohn des Geheimdienstchefs war, ist eine Behauptung von Bellingcat und ebenso unsicher wie die Todesumstände: Ist der Mann, der seit Sommer 2019 an der russischen Botschaft war, versehentlich, aus Selbstmordabsichten oder gewaltsam aus einem der oberen Stockwerke auf den Gehweg der Behrensstraße gestürzt? Das zu wissen wäre natürlich hochinteressant, um den Fall einordnen zu können. Vielleicht war er ja auch schon tot, suggeriert Bellingcat symptomatisch, bevor er auf der Straße landete.

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Die russische Regierung hat jedenfalls kein Interesse an einer Aufklärung. Die Botschaft bestätigt den Todesfall eines Mitarbeiters, spricht von einem „tragischen Unfall“ und hat den Leichnam schnell nach Russland transportiert. Weil der Mann diplomatische Immunität hatte, ließ sich die deutsche Polizei außen vor halten, es konnte auch keine Autopsie vorgenommen werden, berichtet Der Spiegel. Vehement wird nicht näher genannten „Spekulationen“ westlicher Medien entgegengetreten, die „absolut inkorrekt“ seien. Was korrekt ist, wird aber auch nicht gesagt, man kommentiere das nicht aus „ethischen Gründen“. Russische Staatsmedien wie RT oder Ria Nowosti verraten auch nicht mehr und geben nur wieder, was der Spiegel berichtet.

Bellingcat sagt, dass KFZ-Anmeldung und Wohnort des Toten mit den Angaben des FSB-Chefs in Rostow und Moskau nach der geleakten Cronos-Datenbank übereinstimmen. Überdies hat Bellingcat angeblich herausgefunden, dass der 2. Dienst des FSB mit der Ermordung des tschetschenischen „Rebellenkommandeurs“ Zelimkhan Khangoshvili zu tun habe. Vadim Krasikov, der des Mordes Angeklagte, habe Kontakte zum Geheimdienst gehabt. Gut möglich, dass er Geheimdienstagent ist und einen Mord ausgeführt hat. Khangoshvili würde man als (ehemaligen)  Terroristen bezeichnen müssen, wenn die „Rebellen“ nicht gegen Russland gekämpft hätten. Mit Terroristen machen die USA auch im Ausland wenig Federlesen, aber das sind ja auch andere Terroristen.

Der Zusammenhang reicht aber noch nicht für die üblichen „spektakulären Recherchen“ (tagesschau) von Bellingcat. Gleich wird auch noch Nawalny ins Spiel gebracht. Die FSB-Direktion für den Schutz der verfassungsgemäßen Ordnung, die auch der Vater des Gestorbenen leitet, soll nämlich auch verantwortlich für den Giftanschlag auf Nawalny sein.

Bellingcat suggeriert Zusammenhänge im Stil von Verschwörungstheoretikern, was Medien wie dem Spiegel gefällt, die sich sonst sich auf die Seite der angeblichen Desinformationsbekämpfer stellen. Der gestorbene Diplomat sei nämlich im Juni 2019 an die russische Botschaft gekommen, zwei Monate vor der Ermordung von Khangoshvili. Das springt doch ins Auge, da muss es einen Zusammenhang geben, unterstellt Bellingcat. Zunächst wird gesagt, es gebe keine Hinweise darauf, dass der Diplomat die Ermordung unterstützt habe. Aber man hat ihn schon ja schon mal erwähnt und fährt suggestiv fort:

„Die deutsche Staatsanwaltschaft hat argumentiert, dass der mutmaßliche Mörder nicht ohne Unterstützung vor Ort handeln konnte, da er erst wenige Stunden vor dem Mord in Berlin eintraf und daher keine Zeit gehabt hätte, den detaillierten Fluchtweg, das E-Bike und den elektrischen Fluchtscooter zu organisieren, die alle für den Mordplan entscheidend waren.“

Könnte das also nicht der Diplomat gewesen sein, der auf der Straße landete? So streut man Verdachtsmomente, die nicht abwegig sind, aber doch ein Ziel verfolgen. Möglicherweise wurde der als Diplomat ausgegebene Geheimdienstagent getötet, weil er zu viel wusste, etwas verpatzte oder renitent wurde? Hat er Gewissensbisse bekommen, weil er tatsächlich mit den Fällen Khangoshvili und Nawalny verbunden war? Andererseits soll sein Vater ja ein mächtiger Geheimdienstchef sein, der seinen Sohn opferte oder im Regen stehen ließ.

Eigentlich wäre das alles ja ein prächtiger Fall für Faktenchecker und Desinformationsbekämpfer, da zumindest Halbwahrheiten und unbewiesene Tatsachenbehauptungen verbreitet werden, so lange man die wirklichen Sachverhalte nicht weiß. Aber, könnte man lakonisch sagen, wenn es nicht das antirussische Narrativ bedient, ist das einfach uninteressant.

Wenn es um Desinformation geht, haben wir ja die Bild-Zeitung, die sich durch den Weggang von Reichelt nicht verbessert hat. Sie spricht von einem „Agenten-Krimi“ und bringt auch gleich Putin ins Spiel, „im Westen töten und spionieren“ lässt, darunter geht es nicht: „Der Putin-Spion, der aus dem Fenster stürzte“:

„Fest steht: Der Fenstersturz ist eine ungewöhnlich häufige Todesart im Reich der Russen-Herrscher. Wer im Land zu viel redet, stürzt aus dem Fenster oder wird überfahren. Fensterstürze trafen zuletzt auffällig viele Ärzte, die sich gegen die Corona-Politik des Kremls in Russland äußerten. Früher fielen Verräter in Paris, Berlin oder London aus den Fenstern. Damals herrschte Kalter Krieg. Heute wieder.“

Hat der Diplomat zu viel geredet? Egal, es gebe Tausende von russischen Spionen in Deutschland, zudem müsse das „versteckte Eigentum der Putin-Clique“ gesichert werden. Es gibt also viel zu vermuten.

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