Die Amerikaner sehen Russland nicht als große Bedrohung

Militärparade in Moskau 2020 zum 75. Jahrestag des „Großen Sieges“. Bild: Kreml

Der von Washington und US-Medien hochgespielte Konflikt mit Russland und die mögliche Invasion in die Ukraine könnte einer Annäherung dienen, die Amerikaner sind sehr viel stärker gegen China ausgerichtet.

Was auch immer Joe Biden und Wladimir Putin in ihrem Telefongespräch besprochen, ausgemacht und sich gegenseitig an den Kopf geworfen haben, in den westlichen Medien mit Titeln wie „Biden Delivers a Warning to Putin Over Ukraine“ (NYT) oder „Putin kennt jetzt den Preis“ (SZ) wird vor allem hervorgehoben, dass die USA vereint mit ihren Partnern den Russland unterstellten Vorbereitungen auf eine Invasion in die Ukraine mit schweren weiteren Sanktionen entgegentreten würde.  Dazu würde auch gehören, die Ukraine weiter aufzurüsten oder Russland vom internationalen Zahlungssystem Swift abzuhängen. Biden machte aber klar, dass er auch bei einer Invasion keine US-Truppen in die Ukraine schicken würde.

Dass es hinter der nach außen präsentierten Drohkulisse, die vielleicht auch der politisch angeschlagene US-Präsident zuhause benötigt, um sich als starken und entschlossenen Mann gegen einen gefährlichen Feind darzustellen, auch um Möglichkeiten der Konfliktbegrenzung, von gemeinsamen Vorgehen gegen Cyberkriminalität und einer Rückkehr zur Diplomatie ging, wird den Falken auf beiden Seiten nicht gefallen. Nur 42% sind nach Gallup zufrieden mit Biden, 55 Prozent sind unzufrieden. Die milliardenschweren Ausgabeprogramme haben ihm nicht genützt.

Aber nach einer Umfrage der Ronald Reagan Stiftung, die Ende Oktober, Anfang November durchgeführt wurde, ist für die Amerikaner nicht Russland (14%) die größte Bedrohung, sondern China (52%). Das war 2018 noch deutlich anders, als nur 21% China, aber 30% Russland als größte Bedrohung angesehen haben. Allerdings sagen 69 %, die USA hätten die besten militärischen Kapazitäten, 17% schreiben das China zu und nur 5% Russland. 37% meinen, die USA sollten sich militärisch auf Ostasien konzentrieren, 175 auf den Mittleren Osten und 5% auf Europa/Russland.

China ist tatsächlich seit George W. Bush der größte amerikanische Konkurrent, aber der „Krieg gegen den globalen Terror“ (GWOT) hat nach 11.9. doch wieder den Mittleren Osten und der Ukraine-Konflikt den alten, bekannten und eingeübten West-Ost- oder Nato-Russland-Konflikt hoch gespült.

Dazu passt, dass 72% der Amerikaner China für Covid-19 verantwortlich sehen. Das Virus stamme aus einem Labor in Wuhan, sei zufällig entkommen und die chinesische Regierung habe das verdeckt und die Weltöffentlichkeit angelogen. 76 Prozent sagen, China müsse anderen Ländern Schadensersatz zahlen.

Am meisten Sorgen machen sich die Amerikaner vor Russland wegen Cyberangriffen (25%), einem Atomkrieg (17%), Einmischungen in Wahlen (16%) oder der Unterstützung von Schurkenstaaten wie Iran (13%). Ein Invasion in ehemalige Sowjetstaaten beunruhigt hingen nur 6%.

Insgesamt aber gehen die größten Bedrohungen nur für 25% vom Ausland aus, 41% nennen hingegen das Inland. Das Militär genießt noch das größte Vertrauen, aber es bröckelt doch unübersehbar. Großen Vertrauen in es haben 45%, 2018 waren es noch 70. Vertrauen in die Präsidentschaft haben noch 19 Prozent, 2018 waren es noch 28%. Auch bei den Nachrichtenmedien schrumpft das eh schon kaum vorhandene Vertrauen noch mehr. 10% sagen, sie würden diesen vertrauen, 2018 waren es auch nur 16%. Massenmedien sind der Kitt der Gesellschaft, sie sorgen dafür, dass es eine kollektive Resonanz gibt, sofern ihnen Vertrauen entgegengebracht wird. Jetzt sind sie Mitspieler im Feld, keine Beobachter mehr.

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