Gang unter die Erdoberfläche

SDF-Tunnel im von der Türkei besetzten Afrin. Bild: Jenan Moussa

Die Kurden in Syrien haben ein ausgedehntes Tunnelsysten errichtet, um sich vor türkischen Drohnen und Angriffen zu schützen, aber der Islamische Staat hat gezeigt, dass ein solches Bollwerk vor einer Übermacht nicht schützen kann.

Israel hatte sich gerühmt, im asymmetrischen Krieg mit Hamas im Gazastreifen das Tunnelsystem zerstört zu haben. 100 km an Tunneln habe man bombardiert, so die Netanjahu-Regierung. Das Tunnelsystem  diente dazu, Stellungen, Waffenlager und Bewegungen vor dem Blick von Satelliten und Drohnen zu verstecken. Der Gang unter die Erdoberfläche liegt auf der Hand, wenn eine Seite über keine effektive Luftabwehr verfügt und der Gegner mit Flugzeugen oder Drohnen ungefährdet Ziele bombardieren kann. Auch der Islamische Staat hat dies in Syrien und im Irak im großen Maßstab praktiziert. Aber wenn die Lufthoheit praktisch absolut ist und der Wille vorhanden ist,  auch die Zivilbevölkerung zu gefährden, können Tunnels auf Dauer nicht schützen.

Eine ähnliche Konstellation wie zwischen Israel und Hamas liegt zwischen der Türkei und den kurdischen SDF-Milizen in Syrien und der PKK im Nordirak vor. Die Türkei hat syrische Gebiete, die von den Kurden kontrolliert wurden, völkerrechtswidrig annektiert – was im Übrigen die Nato-Mitgliedsländer nicht weiter beunruhigt, die das wie den früheren Krieg gegen den Irak, die Interventionen in Syrien oder in Libyen ebenfall praktizieren, aber im Fall der Krim scheinheilig verurteilen.

Nachdem die Türkei kurdische Gebiete in Syrien annektiert hat, die Kurden in Syrien und im Irak aus dem gesamten Grenzgebiet vertreiben will und immer wieder Luftangriffe auf angebliche PKK-Stellungen im Nordirak ausführt, wo das Nato-Land auch ein Netz von Militärstützpunkte eingerichtet hat und Wälder abholzt, haben die syrischen Kurden vor Jahren begonnen, ein Tunnelsystem zum Schutz vor türkischen Angriffen anzulegen, weil sie sich nicht auf den Schutz der USA und von Russland verlassen können. Abtauchen in den Untergrund ist immer eine Option, um sich vor Überwachung und Angriffen aus der Luft zu schützen. Das wird angesichts der türkischen Kampf- und Kamikazedrohnen immer wichtiger. Allerdings hat das auch in Afrin angelegte Tunnelsystem die Kurden vor dem Angriff der türkischen Armee und deren Milizen nicht geholfen.

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Nach einem Bericht von Al Monitor outsourcen die kurdischen Selbstverteidigungskräfte SDF (Demokratische Kräfte Syriens) die Arbeit. Der Bericht ist in der Tendenz kritisch gegenüber den SDF. Gezahlt würden täglich 3-5 US-Dollar für das Buddeln, was besser als nichts ist in der Region. Handys oder andere Geräte, die lokalisierbar sind, dürfen die Arbeiter nicht dabei haben. Nach einer Quelle sollen die Tunnels, die die SDF-Stellungen verbinden, drei Meter unter der Oberfläche angelegt sein, jeden Kilometer soll es betonierte Räume geben, die als Waffenlager, Kommandozentralen oder Feldlazarette dienen. Das Tunnelnetz soll unter allen Gebieten und Städten unter kurdischer Kontrolle laufen. Im Hauptquartier des Tunnelsystems sollen sich führende Kurden aus der Türkei und dem Irak aufhalten. Fertiggestellt würden jetzt die Tunnels nördlich von Ain Issa und Raqqa, weil man dort Angriffe der Türken befürchtet, die die von ihnen kontrollierten Gebiete im Norden von Raqqa mit Manbidsch verbinden wollen: „Eine solche Offensive würde Ayn al-Arab (Kobani) isolieren und bedrohen.“

Man hat allerdings gesehen, dass bei einer massiven Bombardierung wie dies in Mosul oder Raqqa geschehen ist, ein Tunnelnetzwerk nicht lange schützen kann. Im Fall von Gaza, wo die Hamas ebenfalls ein weiterverzweigtes Tunnelnetzwerk angelegt hat, ist unklar, wie stark dies von den gezielten israelischen Angriffen zerstört wurde. Ex-Regierungschef Netanjahu sprach von 1000 km zerstörten Tunnels, was man nicht glauben muss.

Ob die SDF wirklich, wie von türkischer Seite behauptet wird, das Tunnelnetzwerk auch in das von der PKK kontrollierte irakische Grenzgebiet um Sindschar baut, lässt sich schwer sagen. Für die Türkei wäre das nur eine Bestätigung für die enge Zusammenarbeit von SDF und PKK, ebenso wie der Verdacht, dass versucht werde, die Tunnels auch in die Türkei zu bauen, um Waffen, Ausrüstung und Kämpfer einzuschmuggeln. Angeblich haben sich Bauern östlich von Qamishli über die Tunnels und das Graben beklagt, weil hier viel Geld, das aus der Region stammt, auf Kosten der Verbesserung der Infrastruktur investiert werde und zivile Gebiete wegen der Tunnels zu Angriffszielen werden könnten.

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