„Ich kann nicht erkennen, dass Gazprom eine Verpflichtung hat, mehr Gas zu liefern“

Gaskompressorstation Atamanskaya, Teil der sibrischen Erdgaspipeline „Kraft Sibiriens“. Bild: Gazprom

 

Energiepreis-Rekorde: Sind Gazprom und Russland Schuld an den hohen Gaspreisen? Deutschlands renommiertester Energiemarkt-Experte Heiko Lohmann („Energate Gasmarkt“) liefert dazu im krass&konkret-Interview einen Faktencheck.

 

Dr. Heiko Lohmann gilt in Deutschland und Europa als führender Fachmann und Insider für den globalen Gas- und Energiemarkt. Er war langjähriger Berater in der Branche und spezialisiert auf Marktanalysen, Vertragsgestaltungen und Kommunikationsstrategien. Seit 2001 arbeitet er auch für den Kommunikations-Spezialisten Energate (ConEnergy Unternehmensgruppe) als Berater und Analyst. Als Experte, Referent und Autor ist er national und international u.a. auch tätig für die Stiftung Energie und Klimaschutz, das Oxford Institute for Energy Studies und das Handelsblatt.

„EnerGate Gasmarkt“ ist als Print-Magazin und Online-Portal das zentrale Organ der Gasmarkt-Branche für Führungskräfte und Top-Entscheider und analysiert Marktentwicklungen, Interna und globale Entwicklungen der big player.

„Banal: Das Angebot ist zu niedrig und die Nachfrage zu hoch“

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In den letzten zwei Wochen ist der steigende Gaspreis das große Thema. Die Politik tut überrascht. Aber kommt diese Entwicklung denn wirklich überraschend?

Heiko Lohmann: Ja, mit der Entwicklung hat so niemand gerechnet. Zumal man solch hohe Gaspreise noch nie gesehen hat. Und letztes Jahr waren die Preise noch extrem niedrig. Auch die Internationale Energie Agentur (IEA) hat im Sommer in ihrem mittelfristigen Ausblick höchstens vereinzelt regionale Preisspitzen vorhergesagt. Im Januar gab es eine solche Spitze in Nordostasien im Rahmen einer Kältewelle.

Welche Gründe sehen Sie denn für diese Preisentwicklung? Es gibt anscheinend sehr viele Faktoren dafür …

Heiko Lohmann: Banal: Das Angebot ist zu niedrig und die Nachfrage zu hoch. Auf der Angebotsseite geht in Europa in vielen Ländern das Angebot schon seit längerem zurück. Dies gilt vor allem für die Niederlande, die bis 2022 aus der Gasproduktion aussteigen. Dazu kommen wohl erhebliche Instandhaltungsarbeiten in der Produktion, die teilweise aus 2020 nachgeholt wurden. Zu Russland komme ich noch.

Auch global ist das Angebot eher knapp, auch weil die Transport- und vor allem Export-Kapazität als LNG nicht gestiegen ist.  Dazu kommt eine stark gestiegene Nachfrage. Teilweise auf Grund der Erholung nach Covid-19 (China), teilweise durch eine extreme Hitzewelle in Nordostasien seit Mai und einer Dürre in Lateinamerika (Brasilien stellt Stromerzeugung von Wasserkraft auf Gas um). Dies führt dazu, dass seit Juni LNG-Lieferungen weitgehend in Asien landen. Die Handelspreise in Europa und den USA schaukeln sich gegenseitig hoch. In Europa kommt seit Ende September angesichts recht niedriger Speicherfüllstände Sorge vor Engpässen im Winter dazu. Bleibt noch der Handel selber. Das Ausnutzen von „Short-Positionen“ und automatisierte Handelssysteme tragen vermutlich zu manchen Preisübertreibungen bei.

„Alle sind panisch“

Als Insider kennen sich ja auch damit aus, was hinter den Kulissen passiert: Wie ist denn so die Stimmung allgemein in dieser Branche? Herrscht Goldgräber-Atmosphäre oder eher das Gegenteil? Furcht vor der Zukunft?

Heiko Lohmann: Im Gegenteil, alle sind panisch. Niemand kann mehr mit niemanden handeln, weil Kreditlinien erschöpft sind. Etliche Händler haben Margin Calls von der Börse und Brokern in neun- bis zehnstelliger USD- oder Euro-Höhe erhalten. Alle haben Sorge, dass ein größerer Händler Konkurs gehen könnte. Niemand weiß mehr, wie er bepreisen soll. Die Produzenten fürchten um ihr zukünftiges Geschäft und das Image von Gas. Ich kenne niemanden, der die Situation klasse findet.

Einige benennen gerne Russland und den Staatskonzern Gazprom als Schuldigen. Aber selbst die Bundesregierung nahm Gazprom in Schutz und Bayerns Wirtschaftsminister Aiwanger (FW) sprach von „einer guten Partnerschaft mit Russland“. Kann es denn bei solch einer Entwicklung überhaupt einen Alleinschuldigen geben?

Heiko Lohmann: Fakt ist, die Gasflüsse Gazproms nach Zentral- und Westeuropa sind etwas geringer als 2020 (Januar bis September, minus 5% über die Routen Nord Stream, Polen und Slowakei) und deutlich geringer als 2019 (-20%). Zudem schwanken die Mengen auf den Routen Polen und Slowakei. Im Oktober hat Gazprom die Mengen über die polnische Route stark reduziert. Außerdem hat Gazprom von dem Unternehmen in Westeuropa benutzte Speicher über den Sommer stark entleert, vermutlich, um Lieferverpflichtungen zu erfüllen. Einige Speicher, die Gazprom nutzt, sind zu Beginn des Winters praktisch leer. Dies trägt sehr stark zur Nervosität des Marktes bei und führt zu manchen Preissteigerungen.

Aber Gazprom sagt, alle Lieferverpflichtungen werden erfüllt, das bestätigen auch die Kunden. Gazprom hat sehr viel Gas in die Speicher in Russland eingespeichert und die Exporte in die Türkei und nach Osteuropa stark gesteigert. Ich kann nicht erkennen, dass Gazprom eine Verpflichtung hat, mehr Gas zu liefern, ob sie es überhaupt können, ist umstritten. Also mit dem „Schuldbegriff“ tue ich mich schwer, zudem gibt es der Faktoren viele.

„Allein psychologisch wird Nord Stream 2 Entspannung bringen“

Kann Nord Stream 2 Entspannung bringen?

Heiko Lohmann: Allein psychologisch wird sie Entspannung bringen. „Wasserstandsmeldungen“ zur Fertigstellung und Inbetriebnahme führen immer wieder zu Preisbewegungen. Natürlich hat Gazprom Planungen darauf ausgerichtet, dass Nord Stream 2 dieses Jahr oder spätestens zum 1. Januar in Betrieb geht. Dies mag sich auch in Produktionsplänen und Liefermöglichkeiten niederschlagen. Allerdings wird das Zertifizierungsverfahren nicht vor dem kommenden Frühjahr abgeschlossen werden. Sollte Gazprom Nord Stream 2 ohne Zertifizierung nutzen (technisch geht dies), wäre der politische Flurschaden vermutlich hoch.

Welche Big Player gibt es denn allgemein in diesem Markt? Und jeder hat ja dort seine berechtigten Eigeninteressen aus Konzernsicht?

Heiko Lohmann: Gazprom ist schon einer der zentralen Spieler. Für Europa ist vor allem die norwegische Equinor wichtig. Größter LNG-Produzent ist Qatargas. Dann spielen natürlich die Majors Total, Shell, ExxonMobil und BP eine Rolle. Sie produzieren auch noch in Europa. Dazu viele Handelsgesellschaften und die so genannten Mid-Stream Player. Uniper, RWE, Engie … aber in der aktuellen Knappheitssituation ist Gazprom schon sehr entscheidend. Über Pipelines besteht die direkte Anbindung nach Europa. Das Unternehmen hat in Russland das Exportmonopol. Und es ist das einzige Land mit Pipeline-Anbindung, das perspektivisch die Produktion ausweiten kann.

„Mir bereitet Sorge, dass man die fossilen Energien aus klimapolitischen Gründen rausdrängt“

Wird sich dieser Markt langfristig immer mehr in Richtung Osten konzentrieren? Auch nach China?

Heiko Lohmann: Klar, wie in anderen Dingen auch. Asien ist der Wachstumsmarkt. Man sollte aber den Mittleren Osten und Afrika nicht vergessen.

Der Energiemarkt allgemein ist ja sehr angespannt, oder? Und alles hängt mit allem zusammen, scheint es. Die OPEC weigert sich, Öl- und damit auch Benzinpreise zu senken … Bereitet Ihnen das alles insgesamt Sorgen?

Heiko Lohmann: Was mir Sorge bereitet ist, dass man einerseits die fossilen Energien aus klimapolitischen Gründen schnell aus dem System rausdrängen will und damit die Sicherheit für Investoren verringert, aber andererseits nicht schnell genug Alternativen hat. Das kann zu dauerhaft engen Märkten für fossile Rohstoffe mit entsprechenden Verwerfungen führen.

Und wie bewerten Sie die Reduzierung der EEG-Umlage nun?

Heiko Lohmann: Das ist ja im Grunde eine andere Baustelle. Ich habe dazu keine Einschätzung.

Die SPD-Politikerin Barley empfahl nun den Bürgern, einfach weniger zu heizen. Das wirkt etwas zynisch … So etwas kann doch nicht die Lösung sein, oder?

Heiko Lohmann: Wenn es richtig ist, was ich zwei Fragen vorher gesagt habe, dann ist es leider nicht zynisch, sondern spiegelt die Realität wider. Dann werden wir uns systematisch mit „Energiearmut“ und ihrer Abfederung beschäftigen müssen.

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„Energiearmut: Eine direkte Unterstützung von Haushalten wäre besser“

Italien, Frankreich und andere planen ja Gas-Preisbremsen und Zuschüsse für die Bürger. Wie sehen Sie das? Und warum folgt Deutschland nicht?

Heiko Lohmann: Als Ökonom bekommt man bei Preisbremsen immer Bauchschmerzen. Eine direkte Unterstützung von Haushalten ist besser. In Deutschland halten sich doch im Endkundensegment bisher die Preissteigerungen in Grenzen. Viele Kunden werden von Stadtwerken versorgt, die beschaffen häufig längerfristig und sind doch noch gar nicht unbedingt unter Druck. Klar, Preissteigerungen werden kommen, aber das Ausmaß bleibt abzuwarten. Und der Wettbewerb wird geringer, weil neue Anbieter Probleme haben. Bei neuen Verträgen solcher Anbieter steigen die Preise massiv.

Die EU-Kommission empfahl aber zudem ein Moratorium für Stromsperrungen bei Stromschulden und einiges andere? Wäre das nicht das mindeste, das nun passieren muss?

Heiko Lohmann: Dazu habe ich im Grunde schon was gesagt. Es sind sozialpolitische Fragen.

Christian Lindner kündigte Freitag für die neue Bundesregierung eine Senkung der Energiekosten für die Bürger an. Wie könnte das gelingen? Und kann das überhaupt gelingen?

Heiko Lohmann: Bei Gas ist dies gar nicht erwünscht. Die Preise sollen doch steigen, damit sich erneuerbare (strombasierte) Energieträger durchsetzen können. Deshalb gilt seit dem 1. Januar 2020 das Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) mit einem Preis von 25 Euro/T für 2020 (0,45 ct/kWh beim Gaspreis). Zum 1.1.2022 wird der Preis um 5 Euro/t steigen. Etliche Think-Tanks fordern den Preis deutlich schneller, als im BEHG vorgesehen, eskalieren zu lassen, um Erdgas aus dem System zu drängen. Mit den sozialen Fragen muss man sich dann auseinandersetzen. Ob ein „Energiegeld“, das pro Kopf ausgezahlt wird, ein glaubwürdiges Kompensationsinstrument ist, wird an Höhe und Ausgestaltung hängen.

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