„Ich sehe für meine Kinder keine Zukunft in Afghanistan“

Trennung der Geschlechter in Schulen und Universitäten

Interview mit der Lehrerin Tamina Sarwari (Name verändert) aus Mazar-e Sharif über die Situation der Schulen sowie der Mädchen und Frauen nach der Machtübernahme der Taliban.

 

Vor fast drei Monaten haben die Taliban Kabul eingenommen. Zeitgleich zogen die letzten NATO-Truppen ab. Mittlerweile kontrollieren die Extremisten wieder das ganze Land. Wie haben Sie diese Machtübernahme persönlich erlebt?

Tamina Sarwari: Kurz vor der Machtübernahme der Taliban tobte der Krieg zwischen den Regierungstruppen und den Aufständischen sehr heftig. Immer mehr Provinzhauptstädte fielen, sodass meine Familie und ich uns dazu entschlossen, Mazar-e Sharif zu verlassen und nach Kabul zu flüchten. Wir dachten, dass Mazar auch bald fallen werde. Dies passierte dann auch. Allerdings marschierten die Taliban kurz darauf auch in Kabul ein, weshalb unsere Flucht letzten Endes sinnlos war.

Wovor sind Sie konkret geflüchtet?

Tamina Sarwari: Vor möglichen Kämpfen in der Stadt, aber auch vor der Gewalt der Taliban. Es gab viele Berichte und Gerüchte, die uns Angst machten. Zum Beispiel hieß es, dass die Extremisten willkürlich Jagd auf junge Frauen machen würden, um diese zu versklaven oder zwangszuverheiraten. Vielen davon hat sich im Nachhinein als falsch herausgestellt. Doch abgesehen davon sorgte ich mich um meine Zukunft als Frau und Lehrerin in diesem Land – und das tue ich auch weiterhin.

Sie sind in Mazar-e Sharif seit Jahren als Lehrerin tätig. Wie hat sich der Alltag an Ihrer Schule verändert?

Tamina Sarwari: Nach der Rückkehr der Taliban dachte ich anfangs, nie wieder arbeiten zu dürfen. Ich war davon überzeugt, dass nicht nur mir mein Beruf, sondern meinen Töchtern auch die Bildung verwehrt wird. In den Tagen nach der Machtübernahme der Taliban waren die meisten Schulen im Land geschlossen. Dann öffneten sie wieder langsam, doch anfangs nur für Jungen. Die Taliban sagten uns, dass sie keine Probleme mit der Bildung von Mädchen haben würden. Allerdings müssten wir uns an „islamische Vorschriften“ halten. Das klang so, als ob wir zuvor keine Muslime gewesen seien.

In der Praxis sieht das Ganze wie folgt aus: Frauen tragen zwar keine Burka, doch müssen viel strenger auf ihre Verschleierung oder die Art, wie sie ihr Kopftuch tragen, achten als früher. Wir alle tragen von nun an einen schwarzen Hidschab. Zuvor war dies nicht der Fall. Viele von uns, vor allem jüngere Kolleginnen, dürfen auch keine Jungen mehr unterrichten, sondern nur Mädchen. Dasselbe gilt auch umgekehrt, sprich, Männer dürfen keine Mädchen unterrichten. Falls dies aufgrund von Lehrermangel nicht möglich ist, müssen Trennvorhänge aufgestellt werden. Diese gibt es mittlerweile schon zahlreich.

Es wurde also „nur“ eine strenge Geschlechtertrennung eingeführt?

Tamina Sarwari: Ja, aber sie ist für viele von uns ungewohnt und nicht in allen Schulen umsetzbar. Meine männlichen Kollegen waren für mich stets wie Brüder. Ähnlich ging es auch den Schülern. Doch die Taliban stellen stets den moralischen Verdacht in den Raum. Die Gefahr, dass etwas „Unanständiges“ passieren könnte, ist immer im Vordergrund. Hinzu kommt – und das ist viel schlimmer – die Tatsache, dass viele afghanische Mädchen die Oberstufe (von der sechsten bis zur zwölften Klasse) nicht mehr besuchen dürfen. Die Taliban sprachen in diesem Kontext von einer temporären Maßnahme. Man wolle zuvor ein „sicheres Lernklima“ schaffen. In Mazar-e Sharif, hat sich dies mittlerweile tatsächlich geändert, doch in den meisten Teilen des Landes, etwa in Kabul, ist das nicht der Fall. Hinzu kommt, dass die Pforten der Universitäten für junge Frauen weiterhin geschlossen sind. Lediglich einige private Hochschulen setzen den Unterricht unter den beschriebenen Auflagen für beide Geschlechter fort.

Man gewinnt den Eindruck, dass die Taliban dennoch als viel bildungsfeindlicher dargestellt wurden. Nun dürfen selbst Mädchen in die Schule gehen. War das vorherrschende Bild ein falsches?

Tamina Sarwari: Es wurden tatsächliche viele falsche Nachrichten verbreitet, auf die auch ich reingefallen bin. Das sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Taliban eine sehr problematische Haltung zur Bildung haben und diese für viele Afghanen auch islamisch in keiner Art und Weise vereinbar ist. Vor Kurzem hat sich selbst ein führender Gelehrter der ägyptischen Al-Azhar-Universität einschalten müssen, um den Taliban zu erklären, dass die Bildung von Mädchen und Frauen im Islam kein Problem darstellt.

Manche Taliban-Offizielle machen in Interviews einen rationalen und seriöseren Eindruck, doch was soll ich davon halten, wenn unser neuer Bildungsminister vor laufenden Kameras behauptet, dass Universitätsabschlüsse ohnehin keinen Wert haben würden oder dass man auf jene, die in den letzten zwanzig Jahren Bildung genossen haben, nicht setzen dürfe. Viele von uns haben in den letzten Jahren so viel in die eigene Bildung oder die unserer Kinder investiert. All dies scheint völlig umsonst gewesen zu sein. Diese weltfremde Haltung der Taliban stimmt viele von uns pessimistisch. Ich persönlich sehe für meine Kinder keine Zukunft in Afghanistan. Auch die wirtschaftliche Situation ist katastrophal. Unsere gesamte Belegschaft wurde seit drei Monaten nicht entlohnt.

Im Kabinett der Taliban lässt sich keine einzige Frau finden. Das Frauenministerium wurde abgeschafft. Wie fühlen Sie sich dabei?

Tamina Sarwari: Es macht mich traurig, dass die Hälfte der Bevölkerung praktisch vollkommen vom politischen Leben ausgeschlossen wird. Stattdessen sind es nun diese Männer, die über unser Leben und unseren Alltag bestimmen. Sie schreiben uns vor, wie wir uns zu kleiden haben. Sie lösen Proteste von Frauen auf, die sich für Bildung einsetzen, und gehen gegen diese mit Gewalt vor. Die Taliban betrachten uns nicht als ebenbürtig. Dabei vergessen sie oftmals, dass durch die Kriege der letzten Jahre und Jahrzehnte vor allem die afghanische Frau gelitten hat. Auch die Taliban haben Mütter, Schwestern oder Töchter. Ich frage mich, was für eine Zukunft sie sich für sie wünschen.

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