Im Dickicht der Versionen zur Schuld der GRU an Europas explodierenden Munitionslagern

Sijka Mileva, die Sprecherin der bulgarischen Staatsanwaltschaft, macht russische Geheimdienstagenten für Sprengungen in vier Munitionslagern verantwortlich. Screenshot von YouTube-Video

Der bulgarische Waffenhändler Emilian Gebrev spielt eine Schlüsselrolle, Bellingcat mischt auch mit.

Russische Geheimdienstagenten sollen in den vergangenen Jahren vier Munitionslager in Bulgarien gesprengt haben, erklärte die Sprecherin der bulgarischen Staatsanwaltschaft Sijka Mileva am vergangenen Mittwoch auf einer Pressekonferenz, bei der keine Journalistenfragen zugelassen wurden. Sie präsentierte Ermittlungserkenntnisse zu Havarien auf Militärgeländen in den Jahren 2011, 2015 und 2020. Ihnen allen gemein gewesen sei ein vorausgehender Brand, der anwesende Mitarbeiter wohl dazu veranlassen sollte, sich zu entfernen, bevor mit Fernzündern Detonationen ausgelöst wurden, sagte Frau Mileva.

„Der zeitliche Rahmen zeigt, dass die bulgarische Seite entweder zehn Jahre nichts davon gewusst hat und erst nachdem sich die Tschechische Republik plötzlich an Ereignisse von 2014 erinnert, beschlossen hat, die Tschechen zu übertrumpfen und tiefer in der Geschichte zu graben. Oder sie haben die ganze Zeit gewusst, was passiert, aber aus irgendeinem Grund jetzt entschieden, es zu verkünden”, kommentierte Russlands Außenminister Sergej Lavrov die Aussagen der bulgarischen Staatsanwaltschaft. htt

Tatsächlich haben sich im letzten Jahrzehnt in Bulgarien zahlreiche Brände und Detonationen in bulgarischen Munitionslagern und -fabriken ereignet. Allein bei der Explosion im Munitionslager Gorni Lom an der serbischen Grenze kamen am 1. Oktober 2014 fünfzehn Menschen ums Leben.

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Stichhaltige Ermittlungsergebnisse und rechtskräftige Verurteilungen von Verantwortlichen gibt es zu Gorni Lom aber ebenso wenig wie zu all den anderen Bränden und Explosionen in bulgarischen Rüstungsfabriken, Militäranlagen und Munitionsdepots. Lavrovs Suggestion, die bulgarische Staatsanwaltschaft reite mit ihren präsentierten Ermittlungsergebnissen möglicherweise auf der Welle, die Tschechiens Ministerpräsident Andrej Babiš am 17. April 2021 losgetreten hat, ist daher schwer widerlegbar.

Sechseinhalb Jahre nachdem es im Oktober und Dezember 2014 zu Explosionen im Munitionslager südmährischen Vrbětice gekommen war, bei denen zwei Mitarbeiter starben, schrieb der tschechische Regierungchef Babiš der GRU-Eliteinheit 29155 die Urheberschaft zu. Sie ist inzwischen durch die Skripal-Affäre berühmt-berüchtigt. Zwei Tage später präzisierte er, es habe sich bei den Bombenanschlägen nicht um gegen sein Land gerichtete Akte staatlichen Terrors gehandelt, sondern um Anschläge gegen eingelagertes Eigentum des bulgarischen Waffenhändlers Emilian Gebrev.

Dessen Wurfminen und Granaten sollten demnach zunächst nach Bulgarien transportiert und von dort „in ein Land ausgeführt werden, das mit Russland im bewaffneten Konflikt steht“. Sein Innenminister Jan Hamáček vermutete gar, die Sprengung von Gebrevs Munition hätte auf bulgarischem Territorium oder auf dem Weg in die Ukraine geschehen sollen. „Irgendetwas ist schief gelaufen”, sagte Minister Hamáček. Die Auseinandersetzung um das Munitionslager Vrbětice hat zu einem Dominoeffekt an reziproken Diplomaten-Ausweisungen aus mehreren europäischen Hauptstädten und Moskau geführt.

Emilian Gebrev spielt eine ungewollte Schlüsselrolle in der Affäre. Er hat durch seine Rüstungsfirma EMKO im Verlaufe der vergangenen eineinhalb Wochen mehrere voneinander abweichende Erklärungen gegeben und damit zum schier undurchdringlichen Dickicht der Versionen zu den gesprengten Munitionslagern beigetragen. Dass EMKO in Vrbětice Wurfminen und Granaten lagerte, hat Gebrev inzwischen zugestanden, nachdem er es zunächst bestritten hatte. Ob seine Munition aber bei den Explosionen zerstört wurde oder unbeschadet blieb, dazu hat er sich mehrdeutig geäußert. Eindeutig erkennbar dagegen war sein Bestreben, die Bedeutung seiner Waffenlieferungen in die Ukraine für deren Verteidigungskapazität zu minimalisieren.

„EMKO hat ihre Handelsbeziehungen mit der Ukraine nie bestritten, allerdings gab es in der Periode des Konflikts mit Russland nur einen Vertrag zur Lieferung von Munition. Sie war ein kleiner Teil einer internationalen Hilfe für die Ukraine. Ihre Ausfuhr ist direkt von Bulgarien erfolgt, die Materialien sind gänzlich von bulgarischen Firmen einschließlich EMKO produziert worden. Dieser Vertrag war völlig legal in der EU, hat Ende 2014 die gesamte Genehmigungsprozedur der bulgarischen Regierung durchlaufen und wurde aufgrund des Minsker Abkommens im Februar 2015 lediglich teilweise erfüllt. “ – Stellungnahme von EMKO

Nowitschok-Anschlag auf den Waffenhändler?

Ende April 2015 wurden Emilian Gebrev, sein Sohn und der EMKO-Produktionsdirektor mit starken Vergiftungserscheinungen in der bulgarischen Hauptstadt Sofia hospitalisiert. In den folgenden Jahren wollte es der bulgarischen Staatsanwaltschaft ebenso wenig gelingen, die Urheber von Gebrevs Vergiftung und ihre Motive zu ermitteln, wie die relativ häufigen Explosionen in bulgarischen Rüstungsbetrieben aufzuklären. Stattdessen führte die bulgarische Regierung von Ministerpräsident Boiko Borissov mit dem Waffenhändler Gebrev eine erbittert ausgetragene Auseinandersetzung um das Eigentum an der Rüstungsfabrik Dunarit.   So argwöhnte Gebrev zunächst bulgarische Widersacher im Streit um Dunarit als Urheber des Giftanschlags gegen ihn, seinen Sohn und seinen Mitarbeiter.

Erst der internationale Skandal um die Vergiftung des Doppelagenten Sergej Skripal im britischen Salisbury im März 2018, erweckte in Gebrev den Verdacht, er könne von russischen Geheimdienstagenten mit einem Nervengift aus der Familie Nowitschok vergiftet worden sein. Im November 2019 machte das britische Investigativmedium Bellingcat teilweise dieselben Agenten der Eliteeinheit GRU 29155 für die Giftanschläge im April 2015 gegen Gebrev verantwortlich wie im März 2018 gegen Skripal. Nachdem Bulgariens Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen zum Fall Gebrev zunächst wegen Erfolglosigkeit eingestellt hatte, erhob sie im Januar 2020 Anklage gegen die Russen Denis Sergeev aka Fedotov, Sergej Ljutenko aka Pavlovitsch und Edor Gordenko aka Gorschkov.

Die Behauptung der tschechischen Regierung, Agenten der Eliteeinheit 29155 der russischen  GRU hätten es bei den Sprengungen in dem Militärdepot Vrbětice auf Gebrevs für den Export in die Ukraine vorgesehene Munition abgesehen gehabt, legte erstmals einen über die zeitliche Nähe von einem halben Jahr hinausgehenden kausalen Zusammenhang mit Gebrevs Vergiftung nahe.

Bellingcat sieht eine „paneuropäische Operation“ der GRU-Einheit 29155

Am vergangenen Montag versuchte Bellingcat, diesen zu untermauern. Dazu veröffentlichte es gemeinsam mit dem tschechischen Wochenblatt Respekt drei Schriftstücke aus der Korrespondenz zwischen dem Lagerbetreiber IMEX Group und Gebrevs Firma EMKO aus dem Zeitraum vor und nach der ersten Explosion im Oktober 2014. Zudem zitierte es zwei anonyme Quellen aus dem ukrainischen militärischen Beschaffungswesen, um zu dem Schluss zu kommen, es stünde „nicht in Zweifel, dass die selbe Untergruppe der Einheit  29155, die mit den  Vrbětice-Explosionen verbunden war, ihren Hauptfokus auf Bulgarien ausrichtete und insbesondere auf Emilian Gebrev“.

Gegenüber dem Bulgarischen Nationalen Radio (BNR) äußerte Bellingcats Lead Expert für Russland Christo Grozev seine Überzeugung, es habe „in Tschechien einen Akt des Staatsterrorismus gegeben, in den bulgarische Interessen verwickelt sind“.  Grozev zufolge hat Russland im Jahre 2014 „eine pan-europäische Operation begonnen“, um „alle europäischen Unternehmen und Staaten zu attackieren, die der Ukraine halfen, sich zu verteidigen“.

Die Sprengung von Munitionslagern und die Ermordung von Unternehmern sei zum obersten Ziel der “Diversions-Gruppierung 29155“ geworden. „Es ist wichtig, zu bemerken, dass sie diesen Teil ihrer Handlungen nicht verstecken wollten. Genau hier ist das Moment des Terrorismus, denn tatsächlich war es das Ziel, dass klar würde und nicht verdeckt, dass sie Terror schaffen, um das Verhalten ihres Gegners zu ändern“, so Grozev gegenüber BNR.

Insbesondere die Erklärung der bulgarischen Staatsanwaltschaft, bei Sprengungen in Munitionslagern in den Jahren 2011 und 2015 sei auch Munition von Emilian Gebrevs EMKO zerstört worden, vermag die behauptete GRU-Urheberschaft bisher aber nicht hinreichend zu belegen. Denn Emilian Gebrev bestreitet dies und fragt: „Was hat die bulgarische Staatsanwaltschaft in all diesen Jahren zur Ermittlung der Explosionen unternommen? Warum versucht sie erneut, sich mit EMKO die Hände zu waschen, anstatt die wahren Gründe für die Detonationen zu suchen und die Schuldigen für diese terroristischen Akte? Verdeckt die Staatsanwaltschaft der Republik Bulgarien nicht schon seit Jahren etwas im Zusammenhang mit der Tätigkeit der russischen Geheimdienste und was könnten die Gründe dafür sein?”

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