Karl Reitter im Interview: Was ist los mit dem linken Aktivismus?

 

Corona Demo in Wien, über die Karl Reitter mit uns spricht
Anti-Corona-Maßnahmen-Demonstration am 20. November 2021 im 1. Wiener Gemeindebezirk Innere Stadt. Bild: bwag/CC BY-SA-4.0

Dialog anlässlich der Corona Demo am 20.11.2021 in Wien zwischen Krass & Konkret Autor Frank Jödicke und Karl Reitter, langjähriger Lektor an den Universitäten Wien und Klagenfurt und Privatdozent für Philosophie. Reitter war Mitherausgeber der marxistischen Zeitschrift „Grundrisse“ und ist Redaktionsmitglied der österreichischen Monatszeitung „Volksstimme“.

Karl Reitter: Als ich deinen Beitrag auf Krass & Konkret gelesen habe, dachte ich, du schätzt die Demo vom 20. November falsch ein. Richtig ist, dass ein Demozug von der FPÖ organisiert wurde, es gab auch separate Aufrufe von der neue Partei MFG (überdies ist das eine traditionell klassisch-liberale Partei, so schätze ich sie ein, und als keine genuin rechte) und auch von der Initiative „Kein Zustand“. Das Entscheidende ist, es gab einen derart großen Zulauf, dass alle Strukturen zerfielen. Ich habe zwar einen FPÖ-Demo-Kern gesehen, aber alles war so durchmischt, so dass keinesfalls Blöcke zu identifizieren waren. Angeblich haben sich auch ein, zwei Dutzend Neonazis beteiligt. Mag sein, aber bei wohl 50.000 Demonstranten sind die sozusagen in der Masse „verschwunden“.

Den Charakter der Demo konnte eigentlich niemand wirklich prägen, dazu haben sich einfach zu viel „normale“ Menschen beteiligt. Ich bin überdies überzeugt, hätte die Bundesregierung nicht den Impfzwang angekündigt, es wären kaum 10.000 gekommen. Das wäre auch nicht wenig gewesen, aber kein Vergleich zu der Demo von letztem Samstag.

Frank Jödicke: Vielleicht haben wir den Artikel etwas zu überspitzt überschrieben mit „Die Bewegung gegen das Impfen ist in Österreich beklemmend stark“. Mir geht es allerdings tatsächlich ein wenig so, dass viele der „Impfskeptiker“ mit Argumenten gegen das Impfen operiert, die mir fürchterlich an den Haaren herbeigezogen erscheinen. Ich möchte hegelianisch einwerfen, die Skeptiker stellen alles in Frage, nur ihren Skeptizismus nicht. Das können sie auch irgendwann nicht mehr, weil sie jedes Infragestellen ihres Infragestellens als Angriff auf ihre Person verstehen. Das ist schon sehr, sehr mühsam und ich verstehe nicht, warum plötzlich diese „Impffrage“ so unendlich wichtig genommen wird.

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Ich hätte Pharmakonzernen sehr viel vorzuwerfen und halte es für vollkommen falsch, die öffentliche Gesundheit privatwirtschaftlichen Unternehmen zu überlassen – beispielsweise –, verstehe aber nicht, warum sich diese Fragen jetzt alle am Impfen kondensieren sollen und von Personen aufgegriffen werden, die sich jetzt „blitzpolitisieren“. Um was es mir aber in meinen Texten zum Thema geht, ist, dass ich eigentlich die Demos gerne „auflösen“ würde, indem die „normalen Menschen“ von den rechten Recken und Querfrontlern abgetrennt werden.

Karl Reitter: Und da sind wir beim Punkt. „Ganz normale Menschen“ waren bei der Demo da, und genau die sind es, die auch das Objekt der Begierde der Linken darstellen. An die wollen „wir“ ja herankommen, die wollen „wir“ dort abholen, wo sie stehen und so weiter. Und was ist jetzt? Wir überlassen sie komplett den Rechten, die diese Möglichkeit mit Handkuss annehmen.

Gestern hat mir ein Bekannter bei einer Besprechung zu einer Buchvorbereitung etwas Interessantes gesagt: Es ginge diesen Demonstrierenden nicht nur um die Corona-Politik, da bricht auch viel an Frust und Opposition auf. Genau das glaub ich auch, aber wäre das nicht noch mehr Grund, diese Massen (ja, das Wort „Massen“ passt schon) nicht der FPÖ und Co. zu überlassen? Im Übrigen meine ich, auch der sich jetzt als staatstragend aufspielenden Seite geht es um viel mehr, als um die Corona-Politik.

Frank Jödicke: Wie ist das zu verstehen?

Karl Reitter: Da ist zunächst die narzisstische Kränkung der sogenannten „Leitmedien“, die durch das Internet das Monopol zu verlieren drohen: Das schlägt bei manchen in so einen undifferenzierten Hass gegen das Netz insgesamt um. Pauschal werden dann Kanäle, die nicht unter ihrer Kontrolle sind, und das sind zahllose, als Fake-News-Schleudern denunziert. Keine Sorge, krass-und-konkret, Telepolis und Nachdenkseiten zählen da aus Sicht der „Leitmedien“ auch dazu. Was waren das für Zeiten, in denen ein Chefredakteur eines Kurier, einer Krone, einer Presse in der österreichischen Öffentlichkeit den Rang eines Ministers hatte, oder gar mehr. Heute kennt diese Chefs niemand mehr. Das ist eine Art sozialer Abstieg in Reinkultur und das macht manche vielleicht auch wütend.

Frank Jödicke: Ich habe am Wochenende den Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“ Hubert Patterer gelobt und er hat sich über mein Lob ein bisschen gefreut. Das war nett für uns beide und es kam recht unerwartet, weil wir uns schon sehr gefetzt haben. In der aktuellen Einschätzung von Sebastian Kurz liegen wir aber überraschend nah beieinander. Ich vermute einmal, durch die aktuelle Entwicklung der ÖVP hat die „Kleine Zeitung“ einsehen müssen, dass ich schon immer Recht hatte mit meiner Charakteranalyse von Kurz. Spaß beiseite, trotz dieser überraschenden und irgendwie beinahe versöhnlichen Übereinstimmung werde ich jetzt sicher nicht Leitmedien-staatstragend. Ich empfehle meiner Schwiegermutter immer wieder die „Kleine“ endlich abzubestellen, denn die Zeit solcher Hefterl ist einfach um und ich komme dann auf Besuch in Kärnten nicht mehr in Verlegenheit, das Zeug zu lesen, weil es auf dem Küchentisch herumliegt. Es gibt so viele gute alternative Medien, insbesondere im Netz, die sind einfach besser.

Karl Reitter: Es sind aber nicht nur die Medien. Auch aus der unter mehrfacher Kontrolle stehenden Wissenschaft werden dann gerne die Genehmen auserwählt, die dann die Wissenschaft als Ganzes repräsentieren. Caspar Hirschi, der viel zur Organisation wissenschaftlicher Institutionen geforscht hat, hat dazu einiges scharfsinniges geschrieben.  Zum Beispiel: „Mit Drosten und Streeck ins Feldlazarett“. Heute erklären uns die erwählten Wissenschaftler, wie gut und richtig dies und das ist, morgen, dass wir alle erst mit 75 in Pension gehen können, weil wir so fit sind, und übermorgen, warum der Einsatz von Folter ethisch gerechtfertigt ist usw.

Frank Jödicke: Es ist ja nicht so, dass es noch nie wissenschaftliche Stimmen gegeben hätte, die sich mit Gefälligkeitsgutachten ihre Karrieren geschmiert haben und gerne „belegten“, was man von ihnen zu belegen verlangt hat. Überhaupt hat Erkenntnis was mit Interesse zu tun – habe ich mal wo gelesen. Ich bezweifle allerdings, dass uns diese Frage aktuell viel hilft. Eine Wissenschaftsgläubigkeit ist fatal und auch eine zu große wissenschaftliche Institutionalisierung. Da bin ich beispielsweise bei so alten New-Age-Denkern wie Ivan Illich, die nachgewiesen haben, dass Wissen geringgeschätzt wird und Handlungsmöglichkeiten eingeengt werden, wenn dies nicht bestehenden wissenschaftlichen Kriterien entspricht. Das ist sehr zu kritisieren, nur im Zusammenhang mit Viren? Da vertraue ich lieber einer breiten Scientific Communitiy, die sehr kohärent und schlüssig argumentiert, bevor ich mich dem Kräuterpfarrer an den Hals werfe. Hat nicht Hermann L. Gremliza mal gesagt, die Esoterik hat mehr Menschen getötet als der Krebs?

Karl Reitter: Dennoch, es sollten alle Stimmen gehört werden, und wir wissen einfach nicht, was noch alles zu Tage kommt. Lange Zeit galt es als unumstößlich sicher, dass das Virus nicht aus einem Labor stammen könnte und dann musste dies auch revidiert werden. Aber ein weiterer Aspekt: Schon längst werden Wahlkämpfe kulturindustriell inszeniert, nun wird die öffentliche Debatte endgültig um alle Zwischentöne gereinigt auf das Niveau billigster Talk-Shows gebracht. Wem nützt das? Doch jenen, die die Öffentlichkeit mit Stehsätzen zukübeln können.

Weißt du, lieber Frank, was mich wirklich erschreckt? Die Postings [in der österreichischen, als linksliberal geltenden Tageszeitung] „Der Standard“. Liest du sie?

Frank Jödicke: Nein, ich lese fast nie Postings. Nicht weil ich sie schlecht finde. Es gibt viele Postings, in denen steckt mehr Wissen, Urteilskraft und Niveau als in dem Artikel darüber. Keine Frage, aber ich schaffe das einfach nicht wegen des Arbeitsaufwands. Wenn ich sehe, dass unter einem Telepolis-Artikel von mir 500 Postings sind, was soll ich dann tun? Mir eine Woche freinehmen? Ich denke diese kleinen spitzen Texte auf Twitter und Co. die haben ihre Berechtigung, ich bin aber eher so ein Langtext-Leser und würde Postern und Twitterern empfehlen, ihre Gedanke in Artikel zu formen – zumindest um mich zu erreichen, wäre das hilfreich. Aber was geht da ab im Standard-Forum?

Karl Reitter: Was da gefordert und gerechtfertigt wird, wenn es gegen die Sündenböcke Ungeimpfte geht, ist tatsächlich zuweilen faschistoid. Zuerst wird in manchen Artikeln gezielt gehetzt, unten dann kommt in den Postings das ungeschminkte Echo. So, wie wir es „früher“ von der Kronen-Zeitung und deren Foren gewohnt waren. Und die Linke? Die schweigt zu dieser Hassorgie oder betreibt sie selbst.

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Frank Jödicke: Diese ganze aufgehetzte Stimmung zerrt ziemlich an den Nerven. Ich kann nur sagen, ich verstehe den Unmut vieler. Es gibt Menschen die sind besorgt, weil sie chronisch krank sind, und die haben vielleicht schon viel Mist mit der Medizin erlebt. Die sind voller Furcht vor der nächsten Spritze, die neuerliches Leid für sie bedeutet. Das kann dann allein aus psychosomatischen Gründen auch eintreten nach einer Impfung. Meine Impfungen haben mich übrigens auch ein paar Tage krank gemacht. Danach habe mich dann allerdings gefühlt wie Supermann – was sicherlich eine psychosomatische Einbildung war.  Andere haben hingegen etwas gegen einen aufoktroyierten Konsens und da gebe ich Ihnen auch gerne Recht.

Ich habe mehrmals geschrieben, es gibt etwas, dass ich bei den Corona- und Impfskeptikern verstehe und nachvollziehen kann, nämlich dieses Gefühl, dauernd in dieser Gesellschaft hinters Licht geführt zu werden. Dieses Gefühl ist leider nicht ganz falsch. Aber es muss dringend weniger Öl ins Feuer gegossen werden. Diese ganze Hetze und Aufregung in den Foren oder bei den Demozügen sind wenig hilfreich.

Aber was soll man erwarten, wenn selbst der amtierende Bundeskanzler seinen Kopf aus der Verantwortungsschlinge zu ziehen gedenkt und anprangert, es wären angeblich die Nichtgeimpften, die nun an allem Schuld sind. Seine eigenen Unterlassungen, Verleugnungen der Gefahren und Fehleinschätzungen haben viel zur Misere beigetragen. Er wirkt auch nicht, als habe er dazugelernt.

Karl Reitter: Aber abschließend nun nochmals zur Linken. Was hat sich da nicht alles in letzter Zeit gedreht? 1967 wussten wir, Springer hetzt und lügt. Heute steht die Linke auf der Seite der Leitmedien. Früher praktizierten wir Wissenschaftskritik, heute Wissenschaftsgläubigkeit. Früher gab es Bücher wie die „Bitteren Pillen“, heute Loblieder auf die Pharmaindustrie. Staatskritik? Dazu fällt mir der Veteran der Marxistischen Staatskritik Joachim Hirsch ein, der vor kurzem fragte: „Was ist aus der Linken geworden?“  Er mutmaßt, dass die Corona-Politik die Linke so zerreißen könnte wie der Irak-Krieg.

Frank Jödicke: Keine Frage, wir sind aufgefordert, uns nicht in ein staatstragendes Gewäsch reinziehen zu lassen. Trotzdem gibt es andererseits auch die altbekannten Strategien der Querfront, die versuchen, Menschen bei Themen einzufangen, die nicht sogleich als rechtsextremistisch zu erkennen sind. Es werden dabei faktische Ungerechtigkeiten zu Opfermythen hochstilisiert, um Verbindungen und Loyalitäten zu erzeugen. Ich bin da sehr vorsichtig aus eigener, leidvoller Erfahrung.

Grundsätzlich ist es bei einer Demo manchmal schwer abzuschätzen, wer „vorne“ marschiert. Aber die vielen Österreichfahnen hätten mich persönlich am Samstag in Wien sehr schnell abdrehen lassen. Allein da verstehe ich nicht, warum „normale Menschen“ mitgehen. Was hat „unser geliebtes Österreich“ mit dem Virus zu tun? Ist das ein Fußball-Match Austria vs. Corona? Das ist ein höchst abwegiges nationales Label. Wenn ich dann aber sehe, dass – es mögen nur eine Handvoll Neonazis gewesen sein – Banner getragen werden, die sagen „Grenzen und Volk schützen“ und vor dem „Great Replacement“ warnen, dann müsste alle Organisationen, die den teilweise berechtigten Frust der Coronagegner*innen verstehen und politisch auffangen wollen, sich augenblicklich und aufs schärfste distanzieren.

Karl Reitter: Sicherlich. Ich überlege trotzdem, ob wir nicht so etwas wie eine öffentliche Debatte über die aktuellen Situation führen könnten, mit Menschen, die die Türe noch nicht zugeschlagen haben, in beide Richtungen meine ich.

Frank Jödicke: Klar, alles was zur Differenzierung beitragen kann, scheint mir hilfreich und sinnvoll zu sein.

1 Kommentar zu Karl Reitter im Interview: Was ist los mit dem linken Aktivismus?

  • Was mir in dieser Diskussion völlig fehlt, sind die Kenntnisse und das Wissen über die Pharamunternehmen oder den Investoren und deren „Stiftungen“ die wir kennen.

    Von der BMG Stiftung gab es in der Vergangenheit ja zahlreiche sehr kritische Artikel in den Medien (die ihnen z.T. jetzt peinlich sind), die schon aufzeigen könnten, dass hinter dieser ganzen Pandemie mehr steckt als ein Virus. (1)

    Mir ist in den letzten Tagen der Name Jacob Levich über den Weg gelaufen, der 2018 ein detailreiches Buch über die BMG Stifung und das Gesundheitswesen veröffentlicht hat (2). Es gibt eine Übersetzung eines Kapitels (3) in der die Struktur dieses System gut dargestellt ist.

    Wenn man nach den Autor sucht, findet sich noch andere Recherchen zum Thema impfen und die Pharamindustrie.

    Dieser Aspekt, wie eine weltweites Konglomerat aus Investoren und Pharamindustrie mit Hilfe „der Wissenschaft“ und den Medien eine Impfkampagne mit nie gekannten Mittel und mittlerweile auch micht Zwang und Überwachung konstruiert hat, müsste eigentlich jedem „links“ fühlenden Menschen das Blut stocken lassen.

    Zumal, wenn man tiefer bohrt, ja nicht nur diese Seite existiert, auch die für die Art der Kontrolle und Überwachung gibt es zahlreich dokumentierte Quellen. Bei denen auch immer die gleichen Organisationen zu Tage kommen.

    Und ich sage es mal so, wenn es um die Gesundheitsversorgung und -vorsorge geht, dann muss Geld und Kapital in die Krankenhäuser, Ärzte und Pflege fliessen aber nicht in Pharamunternehmen, die dann Milliardengewinne machen. Es ist doch völlig absurd zu glauben, dass diese Unternehmen tatsächlich unsere Gesundheit im Sinne haben. Aber die Skandale der Vergangenheit sind vergessen.

    (1) https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/klinische-studien-in-indien-fordern-immer-wieder-todesopfer-a-806797.html
    (2) https://www.routledgehandbooks.com/doi/10.4324/9781315297255-20
    (3) https://blog.bastian-barucker.de/disruption-der-weltgesundheit-die-gates-stiftung-und-das-geschaeft-mit-impfstoffen/

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