#meToo auf Griechisch

Bild: Wolfmann/CC BY-SA-4.0

Nach dem Sport begann die #meToo Welle in der Schauspielbranche. Es meldeten sich nicht nur Opfer von sexueller Gewalt oder Belästigung, sondern auch Opfer anderer Gewaltausübung von Vorgesetzten zu Wort.

Der staatliche Sender ERT trennt sich vom Star seiner viel beworbenen neuen Serie. Das Nationaltheater schasst seinen Intendanten. Das Staatliche Theater Nordgriechenlands sucht nach Wegen, den Vertrag mit seinem Intendanten zu lösen. Dieser hat bereits seinen leitenden Posten beim Festival Athens und für die traditionsreichen Theateraufführungen von Epidaurus verloren. Ein schauspielernder Ex-Minister steht vor den Trümmern seiner Karriere. NOK-Mitglieder sind Amt und Würden los. Ein ehemaliger Nationaltrainer ist in Haft. Ein Journalist wird selbst zum Nachrichtenthema. Erste Stimmen aus den betroffenen Branchen beklagen sich über kannibalische Zustände.

Ein Interview löst eine Welle aus

Das sind die Ergebnisse von knapp sechs Wochen Entwicklungen. Alles begann Anfang Januar mit einem Interview der griechischen Olympiasiegerin Sofia Bekatorou. Bekatorou, die im Segeln 2004 in Athen Gold und 2008 in Peking Bronze holte, beschuldigte einen zunächst nicht namentlich genannten Funktionär des Segelsports, sie 1998 in einem Hotelzimmer vergewaltigt zu haben.

Das Ganze spielte sich während der Vorbereitung der Athletin für die Olympischen Spiele in Sydney im Jahr 2000 ab. Bekatorou sagte, der männliche Funktionär der Hellenic Sailing Federation habe eine „unanständige Tat“ durchgeführt, nachdem er sie in sein Hotelzimmer eingeladen hatte, um die Teamvorbereitungen zu besprechen. Die Athletin sagte, sie habe deutlich gemacht, dass die Tat nicht einvernehmlich sei, und fügte hinzu, dass sie sich „gedemütigt“ fühle.

Sex ohne beidseitiges Einverständnis, zumal mit dem Täter in einer Machtposition, das erfüllt auch in Griechenland den Straftatbestand der Vergewaltigung. Im Fall der Vergewaltigung von Bekatorou ist das Verbrechen verjährt. Der Funktionär, dessen Name wenig später bekannt wurde, braucht keine Strafverfolgung zu fürchten. Die seinerzeit 21-jährige Sportlerin fürchtete, dass sie ihren Traum, an Olympischen Spielen teilzunehmen, begraben müsse, wenn sie reden würde.

„Wieso redet sie erst jetzt“, war eine der Reaktionen aus dem Lager der Frauen und Männer, die Bekatorou sogar eine übersteigerte Affinität zum Rampenlicht der Öffentlichkeit vorwarfen. Unter denen, die solche ungeheuerlich anmutenden Vorwürfe aussprachen oder verbreiteten, fanden sich zahlreiche Prominente ein. Entsprechende Kommentare, zum Beispiel vom Journalisten, Regisseur und Produzenten Nikos Mastorakis wurden auch auf der Internetpräsenz des Abgeordneten der Nea Dimokratia, Constantinos Bogdanos, verbreitet. Die Studentenorganisation der Nea Dimokratia, DAP-NDFK weigerte sich, Solidaritätsbekundungen für die sexuell ausgebeutete Sportlerin mitzutragen.

Der mutmaßliche Täter, bislang Vizevorsitzender des Segelverbands und Mitglied im Nationalen Olympischen Komitee gehört ebenfalls zur Nea Dimokratia. Mittlerweile wurde er zum Rücktritt bewegt. Der juristisch wegen der Verjährung nicht belangbare Mann, konterte mit Verleumdungsklagen gegen Bekatorou.

Bekatorous Anschuldigungen wurden jedoch schnell von weiteren Sportlerinnen unterstützt. Ein zwar damals angezeigter, aber nicht weiter verfolgter Fall eines Jungendtrainers des nationalen Verbands kam ans Licht. Dieser hatte eine damals zwölfjährige Nachwuchssportlerin sexuell ausgenutzt. Der Fall ist noch nicht verjährt und der Ex-Trainer der Seglerin kam nach einer Anklageerhebung in Haft. Der von Bekatorou schließlich namentlich genannte Spitzenfunktionär des Segelverbands, gleichzeitig NOK-Mitglied, musste von allen Posten zurücktreten. Die staatliche Finanzierung des Verbands wurde eingestellt.

„Wenn man in der Segelvereinigung die Vorgänge tiefer untersucht, wird man viel mehr finden, als die Athleten wissen“, sagte der Olympia-Goldmedaillengewinner beim Windsurfen Nikos Kaklamanakis. Kaklamanakis hatte die Praktiken des Machtmissbrauchs bei der Segelverbandsführung bereits Jahre zuvor, auch 2019 im Parlament angeprangert.

Die Mahnungen, die von Kaklamanakis beim Namen genannten Affären, die von ihm vorgelegten Beweise verhallten ohne Konsequenz. Kaklamanakis, der als letzter Fackelläufer 2004 in Athen das Olympische Feuer entzündete, war vor seiner Aufdeckungskampagne der Poster Boy, das Aushängeschild des Verbands. Er wurde zur Unperson erklärt. Vier Goldmedaillen und drei Mal Silber hatte er bei Olympiaden und Weltmeisterschaften für sein Land gewonnen. In Sydney hatte er im Jahr 2000 die Flagge ins Stadion getragen. Das alles zählte nicht mehr. Die Verbandsfunktionäre waren politisch stärker.

Staatspräsidentin Katerina Sakellaropoulou griff ein. Sie empfing Bekatorou zu einer Audienz, sprach ihr Mut zu und versicherte alle Frauen, die sich trauen zu reden, ihrer Solidarität.

Die Theater sind wegen CoVid geschlossen – die Münder öffnen sich

Nach dem Sport begann die #meToo Welle in der Schauspielbranche. Es meldeten sich nicht nur Opfer von sexueller Gewalt oder Belästigung, sondern auch Opfer anderer Gewaltausübung von Vorgesetzten zu Wort.

Der Schauspieler und Regisseur Giorgos Kimoulis gehörte zu den erfolgreichen seiner Branche. Er leitete die Theaterveranstaltungen von Epidaurus, dem Festival Athens und des Staatlichen Theaters Nordgriechenlands. Ihm warfen Schauspielerinnen und Schauspieler einen diktatorischen, gewalttätigen Führungsstil vor. Kimoulis, der lange von den Linken Griechenland, auch von SYRIZA, gefördert wurde, wurde nun fallengelassen.

Dass die jeweiligen Vorwürfe nicht haltlos sind, gab einer der weiteren Angeschuldigten, Pavlos Haikalis, offen zu. Der einundsechzigjährige Schauspieler, der vornehmlich im komischen Fach tätig ist, wurde zwischenzeitlich auch scherzhaft die griechische Version von Al Bundy (Eine schrecklich nette Familie) genannt. Als Parlamentarier der rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen war er von Mai 2012 bis August 2015 Abgeordneter im Parlament. Vom Januar bis August 2015 war er parlamentarischer Staatssekretär im Arbeitsministerium in der Regierung von Alexis Tsipras. Danach kehrte er zu Theater und Fernsehen zurück.

Zunächst äußerte er sich öffentlich solidarisch mit den Opfern sexueller Gewalt. Dann tauchten auch gegen ihn Vorwürfe auf. Er hatte 2011 eine damals minderjährige Schauspielerin gestalkt und ihr sexuell eindeutige Textnachrichten geschickt. Diese wurden von dem Opfer in sozialen Netzwerken veröffentlicht. Eine weitere Anschuldigung kam hinzu. Haikalis wählte die Offensive. Er versuchte sich herauszureden, dass er „als Mann alter Schule“ nicht so leicht aufgeben würde, wenn eine von ihm angebetete Frau ihn abweisen würde.

Am Freitag wurden schwerer wiegende Vorwürfe gegen den Schauspieler bekannt. Es geht um eine wegen Ohnmacht des Opfers abgebrochene Vergewaltigung vor 31 Jahren, welcher ihn die Freundin seiner damaligen Lebensgefährtin beschuldigt. Die Vorwürfe wurden zum ersten Mal durch einen übertragenen Telefonanruf des Opfers beim staatlichen Sender ERT bekannt.

Die Vorwürfe wegen Gewalt und sexueller Gewalt im Showbusiness werden von der Schauspielergewerkschaft gesammelt. Diese wird sie in Disziplinarverfahren behandeln, bei denen die Verjährungsfristen für Strafverfahren offenbar keine Rolle spielen. Nun schweigt Haikalis und verweist auf seinen Anwalt:

„Ich werde keine Erklärung abgeben. Ich habe mich an meine Anwälte gewandt. Wenn mein Anwalt sich mit dem Fall vertraut gemacht hat, wird er eine Erklärung abgeben und die Öffentlichkeit informieren.“

Einer der weiteren vielfach Beschuldigten ist ein enger Freund und Kollege von Haikalis. Der Schauspieler Petros Philippidis. Dieser hatte anders als Haikalis Anfang Februar an alle griechischen Medien ein Exodiko, einen anwaltlich verfassten, vom Gerichtsvollzieher zugestellten Schriftsatz geschickt. Damit forderte er die Medien auf, die Nennung seines Namens im Zusammenhang mit den #meToo-Fällen zu unterlassen. Zu diesem Zeitpunkt war sein Name noch kein einziges Mal gefallen. Die Medien veröffentlichten den Schriftsatz dessen Duktus: „Ihr wisst, wer ich bin“ durchaus narzisstische Züge aufwies. Der Streisand-Effekt in den sozialen Medien war komplett.

Zwischenzeitlich wurden gegen Philippidis mehrfach und detailliert Anschuldigungen von sexueller Belästigung bis hin zur Vergewaltigung erhoben. Mehrere seiner Opfer bestätigten, dass Philippidis ihr Schweigen und ihre Gefügigkeit auch mit seiner Machtstellung im Schauspielgewerbe erzwungen hatte.

Philippidis gehörte zu den Stars der neuen Serie „Chaireta mou ton Platano“ des staatlichen Senders ERT. Die Tatsache, dass die ERT nach anfänglichem Zögern die Zusammenarbeit beendete und dies mit in Nachrichtensendungen verbreiteten Erklärungen begründete, dürfte für Philippidis schwerer wiegen als ein gerichtlicher Schuldspruch. Der Schauspieler soll, so wurde bekannt, seine Wohnung in Athen aufgeben und zurück in seinen Heimatort Ioannina ziehen. Zwischenzeitlich ließ er sich ins Krankenhaus einweisen.

Für die Regierung brisant wird ihr Zögern in einem weiteren Fall. Dimitris Lignadis war Intendant des Staatstheaters. Er wurde von Kulturministerin Lina Mendoni gefördert und lange geschützt. Lignadis hat sich öffentlich mehrfach über den seiner Meinung nach zu großen Einfluss Linker in der Kunst beschwert. Er hatte in Interviews erklärt, dass er sexsüchtig sei.

Lignadis gehörte aber auch zu den engeren Freunden von Premierminister Kyriakos Mitsotakis. Einen Umstand, den Oppositionsparteien nun ausnutzen. Fotos, die herzliche Begrüßungen von Mitsotakis und Lignadis zeigen, belegen das enge Verhältnis. Die Opposition versucht auch auszunutzen, dass mit dem wegen Päderastie verurteilten früheren Abgeordneten der Nea Dimokratia und Berater von Mitsotakis mit Lignadis nun eine weitere Person aus dem engeren Kreis des Regierungschefs unter einem solch schwerwiegenden Verdacht steht.

Zahlreiche Anschuldigungen wegen Vergewaltigung teilweise minderjähriger Schauspieler zwangen Lignadis zum Rücktritt. Es liegen Anschuldigungen vor, denen gemäß der Schauspieler, Regisseur und Intendant junge Schauspielschüler zu homosexuellem Sex auch untereinander zwang.

Laut Angaben der Schauspielergewerkschaft liegen weit mehr als 1000 einschlägige Anschuldigungen gegen größtenteils prominente Vertreter der Zunft vor. Die juristische Aufarbeitung der Fälle könnte im griechischen Justizsystem Jahre dauern. In Medien und in der Öffentlichkeit sind sie bereits jetzt vorverurteilt. Ihre Karrieren sind nachhaltig ruiniert.

Dass es nicht immer so geht, zeigt der bislang am besten dokumentierte Fall eines prominenten Journalisten. Die Vorwürfe einer versuchten Vergewaltigung einer Kollegin, wurden kurz in Fernsehsendungen thematisiert und in Internetmedien gemeldet. Sie hatten bisher keinerlei Konsequenzen für den Mann, der weiterhin seine Sendungen in Rundfunk und Fernsehen hat.

Im Fall des eigenen Kollegen gilt für viele griechische Journalisten offenbar die ansonsten allen Bürgern zustehende Unschuldsvermutung.