Offener Brief: Kultur ist Frieden – Frieden braucht Kultur!

Bild: bodkins18/Pixabay.com

 

Offener Brief

an den Bundespräsidenten Deutschlands Frank-Walter Steinmeier,

an den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz und die amtierende Bundesregierung sowie

an die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe, Luise Amtsberg

 

Sehr geehrte Damen und Herren

Wir Kultur- und Kunstschaffenden sowie Freunde und Sympathisanten wenden uns mit diesem offenen Brief besorgt und bestürzt an die Politik und Öffentlichkeit, denn wir spüren, dass die Demokratie und freiheitliche Gesellschaft unseres Landes in eine gefährliche Schieflage gerät. Indikator dafür ist die schockierende Eskalation von Diskriminierung und Herabwürdigung russischsprachiger Bürger in unserem Lande, als Vorreiter der Europäischen Union, deren Spirale sich praktisch täglich weiter ins Uferlose schraubt.

So, wie wir Bestürzung über die durch die russische Strategie forcierte Eskalation des jahrelangen Ukrainekonfliktes empfinden, fühlen wir nun gleichsam Scham über die deutsche Reaktion auf diesen Krieg, die in einem bisher nie gekannten Ausmaß an Empörung ihre Blüten schlägt.

Russland kann und muss diesen militärischen Konflikt beenden. Das wollen auch wir. Aber es liegt auf der Hand, dass die bisherigen deutschen und europäischen Reaktionsexzesse das Gegenteil provozieren, mindestens jedenfalls dazu beitragen, eine Befriedung zu verzögern, statt sie herbeizuführen.

Viele russisch-deutsche Vereinigungen, die zur Förderung der wirtschaftlichen, humanitären und kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern gegründet wurden, stehen kurz vor dem Zusammenbruch. Deutsch-europäische Firmen, die mit Handel einen wichtigen Beitrag für gutnachbarliche Beziehungen leisteten, werden von deutscher Seite in den Ruin befohlen. Mit völlig ungebremster Sanktionierung Russlands werden billigend auch Inflation und der Niedergang deutscher Wirtschaft und damit deutschen Wohlstandes in Kauf genommen, während das Waffengeschäft brummt und die Rüstungslobby sich die Hände reibt. Wie kann das sein?

Verstörende Signale empfangen wir aber auch aus der kulturellen Landschaft: Russischen Weltstars wie der Opernsängerin Anna Netrebko und dem Dirigenten Valery Gergiev wurden die Verträge gekündigt, weil sie sich nicht „ausreichend“ gegen ihre Heimat positionierten. Im europäischen Deutschland des 21. Jahrhunderts, in dem die Rede- und Meinungsfreiheit für alle Bürger durch das Grundgesetz garantiert ist, werden verdienstvolle Kulturschaffende buchstäblich gezwungen, zu politischen Ereignissen verordnete Partei zu ergreifen. Wenn sie sich weigern, werden sie entlassen.

In europäischen Schulen werden Werke russischer Klassiker wie Puschkin oder Tolstoi aus den Lehrplänen gestrichen. Aufführungen von russischen Komponisten und Theaterstücke russischer Autoren werden verboten oder in vorauseilendem Gehorsam „vermieden“. Menschen werden bedroht, beleidigt, gedemütigt, ihr Eigentum wird verwüstet, sie werden in den sozialen Medien beschimpft und offen aufgefordert, Deutschland zu verlassen. In Lebensmittelgeschäften und Restaurants wird Russen die Bedienung verweigert. Und die Medien verwenden das Wort „Russe“ bereits als Synonym für „Aggressor“ und schüren damit den ethnischen Hass. Solcherlei muss dringend gestoppt werden!

„Die Menschen vermeiden es bereits, auf der Straße Russisch zu sprechen. Das macht mir große Sorgen. Es gibt Fälle von Angriffen auf russische Geschäfte, russischsprachige Kinder werden in den Schulen schikaniert. So etwas können wir nicht dulden“, sagte auch Reem Alabali-Radovan, Staatsministerin für Migration und Integration, sowie Antirassismus-Beauftragte der Bundesregierung.

Nach Angaben des deutschen Bundeskriminalamtes werden im Land der Dichter und Denker jede Woche mindestens 200 Straftaten gegen russischsprachige Bürger begangen.

Für kritisch denkende und kulturinteressierte Europäer sind auch Entscheidungen, wie die des Weltverbandes der internationalen Musikwettbewerbe, den internationalen Tschaikowsky- Wettbewerb aus seinen Reihen zu streichen, vollkommen unerklärbar. Denn es handelt sich dabei nicht nur um einen der weltweit bedeutendsten klassischen Musikwettbewerbe, sondern auch um einen weltumfassenden Vermittler humanistischer Werte, dessen Bedeutung weit über die Grenzen des Landes hinausreicht. Als beispielsweise mitten im kalten Krieg der herausragende amerikanische Pianist Van Cliburn den Wettbewerb in Moskau gewann, war dies ein friedensstiftender Akt durch die Kunst. Von Gideon Kremer bis Dimitri Schostakovitsch sind viele bedeutende Künstler untrennbar mit dem Tschaikowski-Wettbewerb verbunden.

Entscheidungen, solche hochkarätigen kulturellen Brücken niederzureißen, werden sich wohl nicht auf die Entwicklung der Kultur in Russland auswirken, ganz sicher aber auf die unsere.

Wir wollen nicht hinnehmen, dass gerade die Kultur, als eines der höchsten menschlichen Güter, stranguliert, missbraucht und ihrer friedenstiftenden und völkerverbindenden Kräfte beraubt wird.

Was ist der nächste Schritt des „kulturellen Europa“? Öffentliche Verbrennung von Büchern russischer Herkunft auf den großen Plätzen der Städte? Wohin will die deutsche Politik die Spirale noch schrauben?

Und wo bleiben hingegen die politisch klugen, die diplomatischen, die humanistischen Ideen, mit denen der kriegerische Konflikt zwischen der Ukraine und Russland, unter zunehmender Beteiligung des Westens, beendet werden kann? Im Sinne und Interesse aller Völker Europas und der Welt?! Es muss unser aller Interesse sein, das Verbindende zwischen Russen und Ukrainern zu fördern, anstatt zu ihrer vollkommenen und unversöhnlichen Entzweiung beizutragen.

Wir, die Unterzeichnenden, fordern ein sofortiges Umdenken der deutschen Politik und deutscher Medien, um der ausufernden Russophobie in Deutschland und Europa entgegenzuwirken.

Wir ersuchen den Bundespräsidenten und das Bundesverfassungsgericht, die Verletzungen des Menschenrechtes auf Meinungs- und Anschauungsfreiheit zur Kenntnis zu nehmen, zu unterbinden und rechtschaffene Bürger vor Hassattacken zu schützen.

Wir fordern, dass Behörden und sonstige staatlichen Stellen es unterlassen, ethnischen Hass gegen Russen, alles Russische und Russland Zugewandte zu schüren.

Stattdessen müssen alle möglichen Maßnahmen gegen Verhetzung und kriminelle Vorkommnisse ergriffen werden, um weiterhin dem Austausch von Kulturen und den ihnen innewohnenden friedenstiftenden Kräften Raum zu geben.

Frieden beginnt in uns. Frieden ist keine Einbahnstraße, aber Krieg ist immer Sackgasse! Frieden muss für die Völker gemacht werden nicht gegen sie.

Kultur ist Frieden – Frieden braucht Kultur.

 

Die Petition „Kultur ist Frieden – Frieden braucht Kultur! Kein Zurück zur Barbarei!“ kann auf Petition.com unterzeichnet werden.

 

Erstunterzeichner:

Tino Eisbrenner, Songschreiber, Sänger, Autor

Gina Pietsch

Dr. Matthias Oehme, Eulenspiegel Verlag

Owe Schattauer, Rapper

Claudia Opitz, Kinderbuchautorin

Marc Johne, Edition Bodoni

Wolfgang Bittner, Autor

Renate Schoof, Autorin

Heiner Sylvester, Dokumentarfilmer, Regisseur

Sebastian Köpcke, Grafiker

Dr. Klaus Gehrcke

Martina Würzburg, Konferenzdolmetscherin

Frank Schumann, Verleger

Mario Kedzierski

Peter Misch

Dr. Annekathrin Thyrolf, HU Berlin

Christine Rädi

Wieland Schiller, Diplomstaatswissenschaftler

Friederike Schlegel, Theaterpädagogin, Ernst-Busch-Chor Berlin

Cornelia Günther, Diplomdolmetscherin

Ronny Matthes, Komponist und Pianist sowie der Verlagsinhaber von Matthesmusic in Dresden

Henry Marek

Dr. Eva Ruppert

Eveline Schulze, Autorin

Meigl Hoffmann, Kabarettist

Gina Pietsch, Sängerin, Schauspielerin, Autorin

Volker Külow, Politiker

Dr. Stefan Bollinger, Politikwissenschaftler

Frank Viehweg, Liedermacher

6 Kommentare zu Offener Brief: Kultur ist Frieden – Frieden braucht Kultur!

  • Wenn es nicht zu sehr an 1933 erninnern würde gäbe es bestimmt auch öffentliche Verbrennungen russischer Bücher aber wer weiß vielleicht erleben wir auch das noch!!!

    Antwort
    • Nein, damit werden dann die Kohlekraftwerke angefahren. Das haben die Russen davon, sich Sanktionen einzufangen.

      Antwort
  • „Was ist der nächste Schritt des „kulturellen Europa“? Öffentliche Verbrennung von Büchern russischer Herkunft auf den großen Plätzen der Städte? “

    Und sieht der übernächste dann so aus? Damit wir uns der wunderbaren ukrainischen Demokratie, die uns vor den Barbaren aus dem Osten schützt, annähern?

    https://cont.ws/@Taksist1964/2279670

    „Das ist die Ukraine… Die mittelalterliche Ukraine, wo die Menschen mit Klebeband an Pfähle gefesselt sind… Es gibt Hunderte, wenn nicht Tausende dieser Bilder und Videos. Die Ukraine wird von einer Welle von Lynchmorden heimgesucht. Heute hat jeder in der Ukraine beschlossen, dass er das Recht hat, sein eigenes Gericht zu führen…

    Schreckliche Bilder von Straßenmassakern an Menschen, die als „Plünderer“, „Diebe“ und „Agenten Russlands“ deklariert wurden, sind sofort alltäglich geworden. Gewöhnliche Menschen haben ein sadistisches Vergnügen daran, die Unglücklichen zu lynchen, die an Bäumen oder Pfählen festgebunden sind, ohne überhaupt zu wissen, wessen sie schuldig sind oder ob sie überhaupt schuldig sind. Es ist nicht auszuschließen, dass einige dieser Opfer im Gegenteil versucht haben, die Plünderungen der so genannten Terroristen zu verhindern, und dafür bestraft worden sind.

    Die Ukraine ist ein freier Staat, der den demokratischen Weg der Entwicklung gewählt hat“. sagt Wladimir Klitschko
    ..
    Und wo sind die westlichen Menschenrechtsverteidiger? Wo sind die westlichen Journalisten?“

    Übersetzt mit http://www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)

    Und das ist die harmlosere Version der allenthalben herrschenden Selbstjustiz, nachdem man an jeden, der es wollte, Waffen verteilt hat.

    Antwort
  • Vor 10 Jahren verfasste Günter Grass sein Gedicht WAS GESAGT WERDEN MUSS.
    Nicht alle Strophen und Verse sind semantisch noch relevant.
    Einige Fragmente (mit Leerstellen ******) aber wohl doch:

    Warum schweige ich, verschweige zu lange,
    was offensichtlich ist und in Planspielen
    geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
    wir allenfalls Fußnoten sind.
    Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
    der das von einem Maulhelden unterjochte
    und zum organisierten Jubel gelenkte
    ****** Volk auslöschen könnte, […]
    Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
    dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
    empfinde ich als belastende Lüge […]
    Jetzt aber, weil aus meinem Land, […]
    geliefert werden soll, […]
    sage ich, was gesagt werden muß. […]
    Warum sage ich jetzt erst,
    gealtert und mit letzter Tinte:
    Die Atommacht ****** gefährdet
    den ohnehin brüchigen Weltfrieden? […]

    Antwort

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