Pulverfass Schwarzes Meer

Der britische Zerstörer im russischen Visier.

Großbritannien hat Russland gezielt provoziert. Was war die Absicht? Und jetzt findet auch noch die von den USA und der Ukraine organisierte große Militärübung Sea Breeze 2021 im Schwarzen Meer statt. Muss mit weiteren Überaschungen gerechnet werden?

Es ist unstrittig, dass der britische Zerstörer HMS Defender von Odessa kommend nahe am Kap Fiolent der Krim vorbeigefahren ist, um die russische Seite zu provozieren, die die Seegrenze an der Krim als russisches Gebiet betrachtet. Nach russischen Angaben ist der Zerstörer drei Kilometer über das von Russland beanspruchte Hoheitsgebiet hineingefahren. Großbritannien erklärt, der Zerstörer, der von russischen Schiffen und Flugzeugen begleitet bzw. verfolgt wurde, sei in einem „international anerkannten Korridor“ bzw. in einer „innocent passage“ gefahren.

Ben Hodges, bis 2018 Kommandeurs der US Army Europe, sagt, das sei nicht „innocent“ gewesen, sondern eine „Kommunikation an den Kreml, dass seine Ansprüche auf die Krim illegal sind“. Der britische Regierungschef Boris Johnson erklärte, die russische Annexion der Krim sei illegal und räumte die Provokation indirekt ein: „Das sind ukrainische Gewässer, und es war absolut richtig, die zu nutzen, um von A nach B zu gelangen.“ Dass ein BBC-Reporter an Bord war, bekräftigt die Inszenierumng.

Das russische Verteidigungsministerium sagte, das Schiff sei wegen der Verletzung der Seegrenze gewarnt worden, nachdem es nicht reagierte, seien von einem Küstenwachschiff Warnschüsse gefeuert und von einem Kampfflugzeug zur Warnung vier Bomben abgeworfen worden. Auch wenn der Westen, die Nato und Großbritannien die Krim weiter als ukrainisches Territorium sehen, das von Russland völkerrechtswidrig annektiert worden sei, war klar, dass Russland auf Verletzungen der Grenze scharf reagieren wird.

Dazu muss man wissen, war zuvor auf dem britischen Zerstörer im Hafen von Odessa ein Abkommen zwischen London und Kiew geschlossen worden, gemeinsam acht neue Kriegsschiffe zu bauen und zwei neue Marinestützpunkte am Schwarzen Meer einzurichten. Und am 28. Juni beginnt das große, von der Ukraine und den USA veranstaltete Manöver Sea Breeze 2021 im Schwarzen Meer, an der 32 Staaten mit 5000 Soldaten, 32 Kriegsschiffen, 40 Kampfflugzeuge und 18 Spezial- und Tauchteams teilnehmen.

Russland hingegen hat eine Militärübung im Mittelmeer gestartet. Erstmals wurden außerhalb Russlands zwei MiG-31K-Abfangjäger mit Ch-47M2 Kinschal-Hyperschall-Luft-Boden-Raketen nach Syrien verlegt. Die Raketen, die mit konventionellen und nuklearen Sprengköpfen ausgerüstet werden können, sollen mit einer Geschwindigkeit von Mach 10 fliegen und eine Riechweite von 2000 km haben.

Wenn das britische Militär leugnet, dass Warnschüsse abgegeben worden seien, und behauptet, es sei nichts Außergewöhnliches vorgefallen, die Russen hätten informiert, dass weiter entfernt eine Militärübung stattgefunden, dann will man wieder einmal behaupten, die Russen würden Desinformation betreiben (was man selbst macht). Vor allem will man damit vermeiden, den Schwanz eingezogen zu haben, weil man auf die wahrscheinlich nicht erwarteten Warnschüsse nicht reagieren wollte und daher eigentlich die Flucht ergriff, um die Lage nicht gefährlich eskalieren zu lassen. Das russische Verteidigungsministerium behauptet, der Zerstörer habe „abrupt“ seinen Kurs nach den Warnschüssen geändert, nach den Briten soll er hingegen seinen Kurs vollendet haben. Aufnahmen scheinen das zu belegen.

Es war ein von Großbritannien provozierter Vorfall, bei dem von beiden Seiten viel riskiert wurde. Moskau machte die rote Linie klar, wahrscheinlich auch im Vorblick auf die große Marineübung. Der Vizeregierungschef Sergey Ryabkov  warnte, man werde die russischen Grenzen mit allen Mitteln verteidigen. Wenn das internationale Recht nicht beachtet werde, würde man auch das Ziel, nicht nur den Kurs bombardieren. Das Verteidigungsministerium rief das Pentagon und die britische Marine dazu auf, vernünftig zu handeln. Der britische Botschafter wurde in den Kreml bestellt.

Die Frage ist, was die britische Regierung mit der Provokation beabsichtigt hat. Nach dem Brexit will Großbritannien wieder zu einer globalen, auch militärischen Macht werden (Britische Armada fährt in den Indo-Pazifik für das „globale Großbritannien“). Gut möglich, dass London Sorge hatte, nachdem sich über das Treffen von Biden und Putin eine gewisse Annäherung von Russland und den USA anzubahnen scheint, um China stärker zu isolieren. Möglich wäre, dass die britische Regierung mit ihrem scharfen antirussischen Kurs hier dazwischen funken und damit auch bei Staaten wie der Ukraine, Georgien, Polen und den baltischen Ländern punkten wollte. Bei einem Konflikt hätten sich die USA gegen Russland stellen müssen. Die EU hat gestern einen von Deutschland und Frankreich nach dem Vorbild von Biden vorgeschlagenen Gipfel mit Putin abgelehnt und weiter einen antirussischen Kurs verfolgt.

 

Die Situation im Schwarzen Meer bleibt hoch gefährlich, wenn die Provokationen, die ständig stattfinden, hochgefahren werden. Man kann nur hoffen, dass alle vernünftig bleiben. Leider kann darauf nicht setzen, wie Großbritannien bewiesen hat. Die Ukraine drängt auf schnellen Nato-Beitritt. Auch hier kann man auf Überraschungen warten.

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