Pumpt Gazprom Gas aus Deutschland zurück?

Karte: Gazprom

Am Samstag wurde festgestellt, dass Gas zurückgepumpt wird. Gazprom versichert, dass man vereinbarungsgemäß liefere, Fluktuationen aber durch Kundenwünsche entstehen können.

Wie die russische Nachrichtenagentur Tass berichtet, wurde am Samstag der Gasdurchfluss der Pipeline Jamal-Europa am Samstagvormittag zuerst „dramatisch reduziert“ und schließlich gestoppt. Mit Verweis auf Gascade sei das Gas dann zurückgepumpt worden. Bei Gascade findet man keine Informationen darüber. Die Pipeline transportiert Gas aus Sibirien nach Belarus, Polen und Deutschland. Sie liefert 20 Prozent des Gases für Europa.

Das russische Gas liefert Gazprom. Der Konzern berichtet, man erfülle vollständig die Nachfrage der europäischen Kunden. Zum Lieferungsstopp bei der Pipeline wird gesagt, die Fluktuationen der Nachfrage  hänge von den Bedürfnissen der Abnehmer ab, was aber nicht weiter erläutert wird.

Trotzdem löst der Vorgang weitere Vorwürfe gegen Russland aus, schließlich wird der russischen Regierung von manchen Seiten vorgeworfen, zu wenig Gas nach Europa zu liefern, um nicht nur die Preise in die Höhe zu treiben, sondern auch Nord Stream 2 durchzusetzen.

Die New York Times sieht ein politisches Interesse Russlands dahinter. Der Kreml habe schon früher Erdgaslieferungen politisiert. So habe Russland den Gastransport Anfang der 2000er Jahre durch die Ukraine gedrosselt, was in Europa zu Versorgungsengpässen geführt habe. Auf die Rolle der Ukraine geht die NYT lieber nicht ein. Russland wollte 2005 nach den Vergünstigungen der Sowjetzeit marktkonforme Preise verlangen, Ukraine lehnte dies ab. Russland leitete daraufhin nur noch das Gas für Europa durch, vermutlich zweigte die Ukraine Gas für sich davon ab, was dann zur Verknappung in Europa führte. Danach kauften die Ukraine und andere osteuropäischen Länder Gas nicht mehr direkt von den USA, sondern von anderen europäischen Ländern, die das Gas zu anderen Bedingungen erhielten.

Interfax führte die Umkehr der Fließrichtung aus Deutschland darauf zurück, dass polnische Verbraucher ihr russisches Gas virtuell aus Deutschland beziehen, was aber faktisch bedeutet, dass das Gas trotzdem in Polen aus dem Transitstrom entnommen wird. Übersteigt die virtuelle Umkehr oder der polnische Bedarf den physikalischen Gasstrom in der Pipeline von Ost nach West, könne, so Interfax, die Gaspipeline Gas aus Deutschland Richtung Osten zurückpumpen. Am Wochenende ist der Verbrauch durch die Industrie deutlich reduziert, zudem sei es am Freitag und Samstag in Europa warm und sonnig gewesen. Aber das würde eigentlich auf Polen ja auch zutreffen.

Vermuten könnte man aber auch, dass Gazprom den Druck erhöht, schnell Nord Stream 2 in Betrieb zu nehmen, um Durchleitungsprobleme und feilschende Transitländer zu umgehen.

Polen will ab 2023 unabhängig vom russischen Gas werden. Bis dahin soll die Baltic Pipe aus Norwegen in Betrieb und die Infrastruktur für Flüssigerdgas aus den USA oder Katar ausgebaut sein, Polen will dann vollständig an die westeuropäischen Märkte angeschlossen sein. Die Unabhängigkeit besteht freilich faktisch nicht, denn auf dem europäischen Markt wird das Gas aus Norwegen und Russland vermischt, es wird also auch weiterhin russisches Gas nach Polen kommen, das habe aber dann „aus der Sicherheitsperspektive keine Bedeutung“. Ende 2022 läuft jedenfalls der Vertrag mit Gazprom ab, die polnische Regierung will ihn nicht verlängern. Möglicherweise will Polen auch nur Druck ausüben, um günstigere Bedingungen für den Gaspreis durch die Jamal-Pipeline zu erhalten.

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