Russland bestätigt Zerstörung eines Satelliten durch einen Asat-Test

Die Erde ist jetzt schon umhüllt von Weltraummüll. Bild: Nasa

Nach der Zerstörung des Satelliten durch Russland zeigen sich die USA und die deutsche Bundesregierung entrüstet gegenüber dem „rücksichtslosen“ Verhalten Russlands. Das ist scheinheilig: die USA haben einen ähnlichen Test ausgeführt und verweigern sich einem UN-Abkommen zur Demilitarisierung des Weltraums.

Mit großer Entrüstung erklärte die US-Regierung, dass Russland am Montag eine Antisatellitenwaffe getestet und mit einer vom Boden aus gestarteten Rakete einen sowjetischen Satelliten zerstört hat. Das sei rücksichtslos, weil damit eine Wolke an Weltraumschrott von 15.000 verfolgbaren Teilen und Hunderttausenden von kleineren Teilen entstanden sei, der internationale Interessen und die Raumfahrt insgesamt gefährde. Die Astronauten auf der ISS, darunter zwei Russen, mussten aus Sicherheit in die Raumfahrzeuge einsteigen, da die neu entstandene Schrottwolke mit der Weltraumstation hätte kollidieren können.

Nasa-Direktor Bill Nelson stimmte ein. Er sei „empört über diese unverantwortliche und destabilisierende Aktion“. Es sei unvorstellbar, dass Russland nicht nur die amerikanischen und internationalen Partnerastronauten auf der ISS, sondern auch seine eigenen Kosmonauten gefährdet. Das sei „rücksichtslos und gefährlich und bedroht auch die chinesische Raumstation“. Die US-Regierung drohte nach Konsultationen mit Alliierten Konsequenzen an. Und Pentagon-Sprecher John Kirby sagte, die ASAT-Waffen, die Russland entwickle, würde nicht nur die nationalen Interessen der USA, sondern auch die Sicherheitsinteressen anderer Staaten, die Weltraumfahrten betreiben, bedrohen. „Wir würden Normen für den Weltraum sehen wollen, so dass er verantwortlich von allen weltraumfahrenden Nationen benutzt werden kann.“

Das Auswärtige Amt schloss sich gestern der amerikanischen Position und der Nato an: „Die Bundesregierung ist sehr besorgt über den Test einer bodengestützten Antisatellitenrakete durch Russland am 15.11.2021, mit dem Russland einen eigenen Satelliten zerstört hat. Durch die Zerstörung des Satelliten im niedrigen Erdorbit ist eine Vielzahl von Trümmerteilen entstanden, die die freie und ungehinderte Nutzung des Weltraums für alle Staaten für Jahre beeinträchtigen werden.“ Weiter heißt es, der Test habe „die Dringlichkeit einer Einigung der internationalen Gemeinschaft auf Regeln für die friedliche und nachhaltige Nutzung des Weltraums sowie auf Maßnahmen zur Sicherheits- und Vertrauensbildung“ deutlich gemacht. Nicht erwähnt wird, dass sich die USA bislang gegen ein Abkommen zur Verhinderung der Militarisierung des Weltraums gesperrt haben, das etwa China und Russland mehrmals eingefordert haben (China warnt vor Aufrüstung im Weltall). Die USA bestehen auf das „Recht auf Selbstverteidigung“ im Weltraum und beanspruchen die Überlegenheit. Die tagesschau weist darauf auch nicht hin.

Man könnte nicht nur die Frage stellen, wie verantwortlich die USA handeln, wenn sie amerikanischen Unternehmen die Genehmigung erteilt, Zehntausende von Satelliten in eine Umlaufbahn zu bringen, sondern auch, warum Washington in Anspruch nicht, selbst einen Asat-Test zu machen, der 2008 auch wie China davor und Indien danach einen Satelliten zerstörte, mit der wohl vorgeschobenen Begründung, dadurch zu verhindern, dass Menschen bei einem unkontrollierten Absturz in Kontakt mit dem giftigen Hydrazin-Treibstoff geraten könnten.

 

Das russische Verteidigungsministerium bestätigte am Dienstag, mit einer Rakete am 15. November den alten sowjetischen Satelliten Kosmos-1408 (Celina-D) zerstört zu haben, und betonte, dass die Trümmer keine Bedrohung der ISS und der Weltraumfahrt darstellen würden: „Die USA wissen mit Sicherheit, dass die entstandenen Teile keine Bedrohung für Orbitalstationen, Raumfahrzeuge und Weltraumaktivitäten hinsichtlich Testzeit und der Umlaufbahnparameter darstellten und darstellen werden.“ Man habe die Trümmer in den Katalog des Weltraumwarnsystems aufgenommen. Und natürlich verwies man darauf, dass zuvor auch die USA, China und Indien einen solchen Asat-Test durchgeführt haben. Verteidigungsminister Sergei Shoigu sagte: „Wir haben wirklich ein  zukünftiges vielversprechendes System getestet. Es traf den alten Satelliten.“

Mit einer Simulation sucht das Verteidigungsministerium zu belegen, dass von den Trümmern keine Gefahr für die ISS ausgegangen sei. Die Objekte hätten sich in unterschiedlichen Bahnen mit unterschiedlichen Neigungswinkeln auf verschiedenen Ebenen bewegt. Zudem befinde sich die Internationale Weltraumstation 40-60 Kilometer unter den Trümmern des zerstörten Satelliten.

Am Dienstag hatte auch der ehemalige Leiter des 4. Zentralen Forschungsinstituts (TsNII) des russischen Verteidigungsministeriums, Generalmajor Wladimir Dvorkin, explizit von einem Asat-Test gesprochen, wie Interfax berichtet. Russland habe bei diesem gegen keine Abkommen verstoßen. Man sei bei Tests auch nicht zu vorherigen Warnungen verpflichtet. Zwar würden die USA informiert, wenn Interkontinentalraketen getestet werden, aber nicht, wenn es sich um Raketenabwehrsysteme handelt. Es sei aber nicht notwendig gewesen, kritisierte er, einen solchen Trümmerhaufen zu produzieren. Zudem hätte das Pentagon nun einen guten Grund, mehr Geld für das Weltraumkommando zu fordern.

Aber möglicherweise, so meinte er, könne Russland mit dem Test auch versuchen, die USA an den Verhandlungstisch bringen, um ein Abkommen über ein Verbot des Abschusses von Waffen in den Weltraum zu verhandeln, was China und Russland vorschlagen. Dvorkin ist zurecht skeptisch: „Ich glaube nicht, dass dieser Test von uns die Amerikaner zwingen wird, einem Abkommen zuzustimmen.“

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