Russland-Nato-Konflikt: Aufrüstung der Cyber-Verteidigung

NATO CCDCOE und finnische Streitkräfte vereinbaren Kooperation bei Cybersicherheit. Bild: NATO CCDCOE

Die befürchtete Bedrohung der Ukraine durch konventionelle russische Truppen setzt die Nachbarstaaten auch in Sachen digitaler Sicherheit in Alarmbereitschaft.

„ALFA-CRP“ nennt sich die niedrigste von vier Cyber-Alarmstufen, die in Polen von Mittwoch bis einschließlich Sonntag herrschte. „Die Einführung von ALFA-CRP hat einen präventiven Charakter und ist verbunden mit den Cyberattacken, zu denen es in den letzten Jahren in der Ukraine gekommen ist“, so die Regierungserklärung.

Die Cyber-Alarmstufen in Polen wurden im Rahmen eines Antiterrorgesetzes im Jahr 2016 eingesetzt.  Vermutet wird Russland als Urheber, der die Ukraine mit seinem großen Truppenaufmarsch bedroht. Die Kommunikationswege in Polen werden nun von Sicherheitsbehörden besonders überwacht und überprüft. Normale Nutzer von Internet und Telekommunikation sollten nicht beeinträchtigt werden.

Was in der Verlautbarung der Führung in Warschau nicht vorkommt – auch in Polen kam es bereits zu einem Hacker-Angriff:  Am 9. Januar sind sensible Daten der polnischen Militärbasis in Bydgoszcz (Bromberg) im Netz aufgetaucht.

Bei dem Eingriff sollen 17 Millionen Angaben erfasst worden sein, auf der Basis befindet sich umfassende militärische Einrichtungen, so auch F-16 Kampfflugzeuge sowie das „Joint Force Training Center“, ein Hauptquartier der NATO. Polen gehört zu den engsten Verbündeten der USA und gilt gleichzeitig als Anwalt der Sicherheit für die Ukraine.

Nach einer Quelle des Nachrichtenportals Onet könne ein Informatiker des polnischen Militärs für das Datenleck verantwortlich sein.

Die befürchtete Bedrohung der Ukraine durch konventionelle russische Truppen setzt die Nachbarstaaten auch in Sachen digitaler Sicherheit in Alarmbereitschaft. Zumal die Hackergruppe UNC1151/Ghostwriter, welche von der Ukraine des Angriffs auf die eigenen Datenbestände verdächtigt wird, nach Angaben der amerikanischen Sicherheitsfirma Mandiant Verbindungen zur politischen Führung in Weißrussland haben soll.   Diese Hackergruppe könnte auch die westlichen Nachbarstaaten von Belarus bedrohen, welche sich bereits in einem Konfliktverhältnis mit dem weißrussischen Staatspräsidenten Aleksander Lukaschenko befinden.

Für die digitale Sicherheit der NATO-Mitglieder ist neben den nationalen Einrichtungen,  seit 2008 das Kooperative Cyber-Verteidigungszentrum (NATO CCD COE) in Tallinn zuständig. Die Organisation wurde eingerichtet, nachdem Estlands Ministerien, das Parlament, Banken und Medien 2008 mehrere Wochen unter eine Cyberattacke litten, die das digitalisierte Land schwer beeinträchtigte.

Der Direktor des Zentrums, Oberst Jaak Tarien, hatte vergangenen Mittwoch den Chef der finnischen Streitkräfte Generalleutnant Timo P. Kivinen zu Gast, wobei eine engere Kooperation in Sachen Cyber-Verteidigung zwischen der NATO und Finnland besprochen wurde.

Trainiert wird in Tallinn auch der Angriff. Bei dem Cyber-Manöver „Crossed Swords“ im Dezember, bei dem 120 IT-Spezialisten aus NATO-Staaten und Staaten, die nicht Mitglieder sind, teilnahmen, wurde „offensive Cyber-Operationen“ durchgespielt. In dem Planspiel ging es um die Auseinandersetzung zwischen dem demokratischen Staat „Berylia“ und dem Aggressor „Crimsonia“ mit einer dominanten Oligarchie, wohl eine Anspielung auf die heute russische Halbinsel Krim. Die Übung fand in dem im Januar 2021 durch das estnische Verteidigungsministerium gegründeten Cyber-Ausbildungszentrum CR-14 statt, das auch in das NATO CCD COE eingebunden ist.

Sowohl in Finnland und Schweden herrscht Beunruhigung aufgrund des russischen Aufmarschs und den ergebnislosen Verhandlungen zwischen der NATO und Vertretern des Kremls über die mögliche NATO-Mitgliedschaft der Ukraine. Beide traditionell neutralen Länder signalisierten Anfang dieses Jahres den Wunsch nach einer engeren Kooperation mit dem nordatlantischen Bündnis.

Grundausbildung zum „Cybersoldaten“

Neben der Präsenz von Truppen und Panzer auf der strategisch wichtigen Ferieninsel Gotland rüstet Schweden in Sachen Cyber-Verteidigung auf. Bereits seit 2020 existiert in Schwedens Armee eine Grundausbildung zum „Cybersoldaten“, der für Wehrpflichtige gilt.

Die schwedische Armee gab in der letzten Woche bekannt, in diesem Jahr einen extra „IT-Verteidigungsverband“ einrichten zu wollen, der militärische Einrichtungen besser vor Hackerangriffen schützen soll, aber auch Attacken ausführen kann. Die Organisation soll in Linköping entstehen, nach Stockholm das Zentrum für Technologie und Forschung in dem skandinavischen Land, und bis 2027 voll ausgerüstet sein. Dabei gibt es schon einen etablierten „IT-Verteidigungsverbund“ mit dem gleichen Kürzel FTH in der Mittelstadt Örebro. Worin sich die beiden unterscheiden, scheint der Geheimhaltung zu unterliegen. Schweden verzeichnet bei Cyberangriffen für das Jahr 2021 einen Anstieg von 153 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Cyberalarm in Norwegen

Nach dem Hacker-Angriff auf die Ukraine schlug auch der norwegische Regierungschef Jonas Gahr Störe „Cyberalarm“. Eine Verteidigungs-Kommission soll im Auftrag der Regierung die digitale Sicherheit des Landes überprüfen und Vorschläge zur Verbesserung machen. Das norwegische Parlament wurde 2020 und 2021 von Unbekannten gehackt, wobei die damalige Regierung beim ersten Angriff Russland verantwortlich machte.

Ende Dezember machte der Chef des Auslandsgeheimdiensts Nils Andreas Stensönes Russland als größten Akteur der Cyberattacken auf Norwegen aus, was Moskau über den Botschafter in Oslo zurückwies.

Das NATO-Mitglied Norwegen, das im hohen Norden direkt an den großen Nachbarn grenzt, versuchte und versucht jedoch mit der Sowjetunion / Russland einen moderaten Umgang zu pflegen.

So befindet sich das norwegische Militär mit Messengerdiensten im Austausch über das im März startende NATO-Manöver „Cold Response 2022“, um mögliche Spannungen und Missverständnisse zu vermeiden. Bei dem Manöver nehmen 35.000 Soldaten aus 23 NATO-Staaten sowie Finnland und Schweden teil.

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