Vor dem Großen Impfen von 7,8 Milliarden Menschen

Am Dienstag erhielt einen Krankenschwester aus New York die erste Impfung in den USA. YouTube-Screenshot

60-80 Prozent der Weltbevölkerung müssten zur Erreichung einer globalen Herdenimmunität geimpft werden, ein Viertel der Weltbevölkerung müsste mindestens bis 2022 warten, bis eine Impfung möglich wird.

Der Kampf um den Impfstoff hat längst begonnen. Gut kapitalistisch setzen sich diejenigen die Staaten durch, die am meisten finanzielle Macht haben. Schnell wurden und werden Notgenehmigungen durchgesetzt, in Russland und China, aber auch in Großbritannien, den USA und der Europäischen. Die reicheren Staaten haben sich hunderte Millionen von Impfdosen von wenigen Anbietern gesichert, gestritten wird darum, wer zuerst geimpft werden soll. In den Hintergrund rückt dabei, dass ärmere Länder ihre Bevölkerung allein aufgrund der Preise, die die Pharmakonzerne verlangen, nicht schützen können.

Einige Länder haben sich, Stand Mitte November, fast 7,5 Milliarden Impfdosen von 13 Herstellern reserviert. Die Hälfte geht in reichere Länder, die aber nur 14 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren. Ein Viertel der Weltbevölkerung müsse mindestens bis 2022 warten, bis eine Impfung möglich wird, so Anthony So in einem Beitrag über die Käufe und Reservierungen von Impfdosen für das Medizinjournal BMJ.

Selbst wenn alle Impfstoffkandidaten bewilligt werden, würden bis Ende 2021 maximal sechs Milliarden Impfungen, die zweimal erfolgen müssen, ausgeführt werden können. Die Kosten würden von 6 bis 74 US-Dollar pro Impfung reichen. Ein Fünftel der Weltbevölkerung müsse selbst bei maximaler Produktionskapazität bis 2022 warten. Es gibt zwar das von der WHO  COVAX-Programm, bei dem reichere Länder auch Gelder für Impfdosen für ärmere Länder bezahlen, aber ob das wirklich realisiert wird, ist noch offen. Bislang hat COVAX Facility, die  500 Millionen Impfdosen für 250 Millionen Impfungen reserviert, die Hälfte der angestrebten zwei Milliarden Impfdosen bis Ende 2021  ist bereits finanziert. Russland und China, die Impfstoffe entwickelt haben, haben sich COVAX nicht angeschlossen. Schwierigkeiten bei der Verteilung könnten auch daraus entstehen, dass die ersten zugelassenen Impfstoffe nicht unbedingt die besten und wirksamsten sein müssen und dann neue Kämpfe um den Marktzugang und der nationalen Sicherung entstehen.

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Priorisierung und unterschiedliche Impfstrategien

Nach Umfragen wollen sich bislang  68 Prozent der Weltbevölkerung oder 3,7 Milliarden Menschen impfen lassen. Chinesische und amerikanische Wissenschaftler haben in einem weiteren  Beitrag für BMJ   versucht, die Größe der Bevölkerungsgruppen abzuschätzen, die geimpft werden müssen. Das unterscheide sich erheblich regional, nach Impfstrategien, beispielsweise Aufrechterhaltung von systemrelevanten Diensten, Minderung schwerer Covid-19-Erkrankungen oder Stoppen der Virusübertragung, und der jeweiligen Impfskepsis.

Hintergrund ist die Überlegung, dass selbst unter der optimistischen Annahme, dass bis Ende 2021 10 Milliarden Impfdosen produziert werden, die in der Regel zweimal verabreicht werden müssen, die Menge nicht zum Erreichen einer globalen Herdenimmunität ausreichen würde. Dazu müssten 60-80% der Weltbevölkerung (4,7-6,2 Milliarden) geimpft worden sein. Erforderlich wären etwa 15,6 Milliarden Impfdosen. Nach der WHO verfällt normalerweise die Hälfte der Impfstoffe wegen unzureichender Lagerung.

Europa weist mit 63 Millionen (8,9%) den höchsten Anteil an systemrelevanten Beschäftigten  und mit 265,9 Millionen den höchsten Anteil an Menschen mit Vorerkrankungen auf. Südostasien hat hingegen mit 777,5 Millionen (58,9%) den höchsten Anteil an gesunden Menschen. Während in Europa, wo nur 13,8% der Weltbevölkerung leben, die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Funktionen und die Reduktion schwerer Erkrankungen im Vordergrund stehen würde, sei es in Südostasien, wo 25,5% der Weltbevölkerung leben, die Reduktion der Verbreitung.

Für viele Länder gibt es allerdings keine verlässlichen Daten, um Bevölkerungsgruppen für eine Impfstrategie herausarbeiten zu können. Das haben die Wissenschaftler für 104 Länder gemacht. Gegenwärtig leben 7,8 Milliarden Menschen auf der Erde. Würde man vom Impfen Kinder unter 4 Jahren und junge Menschen unter 18 Jahren als geringer gefährdet ausschließen, müssten etwa 5,2 Milliarden geimpft werden.

Vorgeschlagen wird eine Priorisierung. Ziel 1 wäre der Schutz von Beschäftigten im Gesundheitsbereich, von Polizisten und Soldaten und anderen systemrelevanten Arbeitern. Ziel 2 die Menschen über 60 Jahre, Unter-Sechzigjährige mit Vorerkrankungen und Schwangere, Ziel 3 gesunde Erwachsene 20-59 Jahre, dann Schulkinder und junge Menschen (5-19 Jahre) und schließlich Kinder unter vier Jahren. Bei Ziel 1 würde es weltweit um 258.3 Millionen Menschen (5%) gehen, bei der zweiten Zielgruppe um 2,2 Milliarden (41,5%) und bei der dritten, wenn nur die gesunden Menschen zwischen 20 und 59 Jahren einbezogen werden, um 2,8 Milliarden (53,5%). Wenn Herdenimmunität erreicht werden soll, müssten zwischen 3,1 und 4,1 Milliarden Menschen geimpft werden.

Während in den reicheren Ländern beträchtliche Bevölkerungsgruppen in einigen Monaten geimpft werden könnten, sei das in den ärmeren Ländern kaum möglich. Überdies werde der Zugang zu Impfungen durch „Marktmechanismen und Altruismus“, nicht durch zentrale Planung geregelt, was zu hohen Preisen und eingeschränkten Impfkampagnen führen kann.

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