Walter Mohr: “Wahlbörsen sind mitunter besser zur Vorhersage von Wahlergebnissen geeignet.”

Bild: ulleo/pixabay.com

Prof. Dr. Walter Mohr im Interview über Bedingungen und Leistungen von Wahlbörsen, die auf Scharmintelligenz und informiertes Spielen setzen, Probleme von Wahlumfragen und warum Medien, Politik und Meinungsforschungsinstitute eine Art Kartell bilden.

Prof. Dr. Walter Mohr ist Leiter der Prognosys Bewertungs GmbH und experimentiert seit vielen Jahren mit der von ihm entwickelten PESM Wahlbörse zur Vorhersage von Wahlergebnissen. Die Ergebnisse sind besser als die von vielen repräsentativen Wahlumfragen, trotzdem arbeiten Medien nicht auch mit Wahlbörsen zusammen. PESM wird als Echtgeldbörsenplatz im Rahmen eines Nullsummenspiels betrieben, bei der die Teilnehmer einen Geldbetrag ihrer Wahl auf ihr Konto einzahlen, um damit handeln zu können. Nullsummenspiele zeichnen sich dadurch aus, dass sämtliche Einzahlungen der Teilnehmer später auch wieder ausgezahlt werden, wobei die Gelder im Spielverlauf umverteilt werden können. Prognosys Bewertungs GmbH verdient also nicht von der Wahlbörse nicht an den Spieleinsätzen bereichert.

Als Alternative zu Wahlumfragen haben Sie eine Wahlbörse entwickelt. Was muss man sich darunter vorstellen?

Walter Mohr: Eine Wahlbörse funktioniert fast wie eine richtige Börse. Während an der realen Börse Händler über Käufe und Verkäufe von Aktien den Kurswert von Unternehmen bestimmen, werden analog bei einer Wahlbörse die Prozentwerte von Parteien für eine bestimmte Wahl durch Angebot und Nachfrage von Parteiaktien ausgehandelt. Weil bei Wahlen die Summe der Prozentzahlen für alle Parteien 100 Prozent ergibt, muss diese spezielle Nebenbedingung einbezogen werden. Dazu gibt es an der Wahlbörse eine Bank, die jeweils ein Bündel von Parteiaktien,  in dem jeweils eine Aktie von jeder Partei enthalten ist, für einen Cent verkauft oder kauft. Sie ist also neutral. Durch entsprechende Verkäufe der Bank kommen insbesondere am Anfang mehr Aktien in den Umlauf, durch Käufe werden Aktien entzogen, aber damit steigt die Liquidität der Händler. Diese Vorgehensweise bewirkt, dass immer von jeder Partei dieselbe Anzahl von Aktien an der Börse im Umlauf ist.

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In unserer Börse muss ein Betrag von 10 Euro, also 1000 Cent, eingesetzt werden. Damit könnten maximal von der Bank jeweils 1000 Aktien von jeder Partei gekauft werden. Es ist wichtig, dass die Wahlbörse ein Nullsummenspiel darstellt. D.h. die Summe aller Einsätze wird insgesamt wieder ausgezahlt. Es bleibt kein Geld beim Wahlbörsenbetreiber.

Unsere PESM-Wahlbörse ist zurzeit die einzige in Deutschland, die mit einem realen Geldeinsatz arbeitet, weil dadurch in der Regel sorgfältiger gehandelt wird. Für die Spieler ist es ein Anreiz, in der Renditerangliste möglichst weit oben zu stehen. Die Spielergemeinschaft hat als Gruppe zudem den Ehrgeiz, dass die Prognosen der Wahlbörsen besser ausfallen als die von den Medien völlig zu Unrecht bevorzugten Umfrageinstitute, die zudem auch noch teurer sind. Wie in dem Buch „Wahlprognosen“ von Mohr und Püschel dokumentiert ist, ist die PESM-Wahlbörse in den Gesamtranglisten zu den letzten Bundes- und Landtagswahlen eindeutig in der Spitzengruppe platziert. Unter den Umfrageinstituten liefert nur Forschungsgruppe Wahlen (ZDF) gleichwertige Ergebnisse. Alle anderen Umfrageinstitute sind deutlich abgeschlagen.

In der Literatur gibt es zwei allgemeine Erklärungen für die besondere Güte von Wahlbörsen. Zum einen ist es die Schwarmintelligenz, die aus der Soziologie stammt. Dabei sammeln die Spieler gemeinsam Informationen und verarbeiten diese über viele einzelne Handelsentscheidungen zu einer guten Prognose.  Zum zweiten kann man die ökonomische Theorie der informationseffizenten  Märkte anführen. Diese besagt kurz formuliert, dass durch den Wettbewerb unter den Teilnehmern die ansonsten ungleich verteilten Informationen am besten aggregiert werden können.

Wahlbörsen in unserer heute verwendeten Form wurden erstmals 1988 von Forsythe und Mitarbeitern entwickelt und bei der US-Präsidentschaftswahl mit großem Erfolg eingesetzt. Bei der letzten Präsidentschaftswahl 2020 hat die Plattform predictit für jeden Bundesstaat eine eigene Wahlbörse eingerichtet und als einzige die Zahlen der Wahlmänner exakt vorausgesagt. Damit hat sie alle Konkurrenten klar geschlagen. Unsere Wahlbörse hat auch mitgemacht und einen guten Mittelplatz belegt.

Das Problem mit der Repräsentativität

Bei Wahlumfragen wird eine für die Wähler angeblich repräsentative Zufallsstichprobe ausgewählt und befragt. Was ist daran das Hauptproblem?

Walter Mohr: Umfragen sind die weitaus häufigste Methode zur Bestimmung von Wahlabsichten. Dabei wird meist eine Stichprobe von 1000 bis 2500 Wählern aus der Gesamtheit von über 60 Millionen Wahlberechtigten die sog. Sonntagsfrage gestellt: Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, welche der folgenden Parteien würden Sie dann wählen?

Die Befragung kann persönlich (face to face) stattfinden wie bei Allensbach. Die meisten Institute arbeiten jedoch telefonisch, per Internet oder einem Mix aus beiden. Das Institut Civey wertet Wahlaussagen aus, die die Wähler ihnen aus eigener Initiative gegeben haben.

Die Umfrageinstitute haben seit Jahrzehnten den Begriff Repräsentativität zu ihrem Goldstandard erklärt. Fast alle glauben, dass dieses ein Qualitätsmerkmal sei. Praktisch will man suggerieren, dass die Stichprobe eine Mini-Abbildung bestimmter sozio-demographischer Merkmale wie Alter, Geschlecht, Bildungsgrad usw. aus der Grundgesamtheit darstellt. Zunächst ist zu bemerken, dass man in der statistischen Stichprobentheorie, die die Grundlage von Umfragen bildet, den Begriff Repräsentativität nicht kennt. Es geht vielmehr um Zufallsstichproben, und mit denen arbeitet man auch. Danach werden die Rohergebnisse zunächst gewichtet, um diese sogenannte Repräsentativität zu erzeugen und schließlich noch weiter für die Projektion bearbeitet. Bei Forschungsgruppe Wahlen, die den Sachverhalt weitgehend offen legt, bringt erst der zweite Schritt eine wesentliche Prognoseverbesserung. Die anderen Institute, außer GMS und dem Neuling Wahlkreisprognosen, lassen sich nicht in die Karten sehen.

Wenn man Transparenz bei allen Instituten einfordern würde, würde man sehen, wie sehr sich diese Rohdaten unterscheiden und wie starke Veränderungen daran vorgenommen werden. Neben der hohen Antwortverweigerung von mindestens 80 Prozent der Befragten (auch hierfür gibt es kaum Veröffentlichungen) sind die falschen Antworten aus sozialer Erwünschtheit ein weiterer systematischer Fehler. So werden bei Forschungsgruppe Wahlen die Anteilswerte für die AfD zunächst deutlich unterschätzt, sodass dieses Institut, durch Erfahrungswerte bestätigt, für die endgültige Projektion etwa vier Prozentpunkte hinzuzählt. Ein anderes Problem hat Forsa-Chef Güllner kürzlich benannt, dass nämlich Befragte häufig nicht zugeben, nicht zur Wahl zu gehen.

Kurzum besteht meine Kritik darin, dass man  die Rohdaten nicht transparent offenlegt. Ferner sollte  empirisch nachgewiesen werden, dass die sog. Repräsentativität nicht nur ein Phantom, sondern ein Qualitätsmerkmal ist.  Das wird wie seit Jahrzehnten natürlich nicht passieren. Somit bleibt nur der objektive Vergleich der Prognosegüte von Umfragen und Wahlbörsen. Obwohl wir das schon lange machen, insbesondere in unserem Buch „Wahlprognosen“ von Mohr und Püschel, reagieren Medien, Politik und Allgemeinheit nicht darauf.

Damit kommen wir zu einem zweiten, deutlich kritischeren Aspekt. Warum wird z.B. die PESM-Wahlbörse von keiner der etwa 100 angeschriebenen Zeitungen (Medien) als Kooperationspartner für die Bundestagswahlen genommen, obwohl sie nachweislich billiger ist und (mit Ausnahme von FGW) im Durchschnitt deutlich bessere Ergebnisse liefert. Was man sieht, sind starke soziale Netzwerke zwischen Medien, Politik und Umfrageinstituten. Vielleicht möchte man auch öffentlich klare Positionen vermeiden. Dabei sind wir viel friedlicher als früher der unerschrockene Kollege Ulmer von der Universität Wuppertal, der Wahlprognosen als Wählertäuschung beschrieben hat und durch seine fundierten statistischen Argumente vor Gericht seine Aussage nicht widerrufen musste. Wir machen es seit 20 Jahren anders und richten uns nach der alten Fußballerweisheit, dass die Entscheidung auf dem Platz fällt. Wir haben, häufig auch ohne Unterstützung, unsere Wahlbörse zu Land- und Bundestagswahlen erfolgreich durchgeführt. Die aktuellen Ergebnisse werden wir hier nach den Wahlen präsentieren.

Ist für eine Wahlbörse eine Mindestmenge an Spielern wichtig? Und spielt hier Repräsentativität gar keine Rolle? Würde es trotzdem funktionieren, wenn nur Männer oder Akademiker oder Unterschichtsangehörige sich beteiligen?

Walter Mohr: Entgegen der Meinung von Experten, die nie eine Wahlbörse durchgeführt haben, genügen etwa 50 Stammspieler, wie unsere Wahlbörse in den letzten Jahren gezeigt hat.  Durch Vergleich mit Schwarmintelligenz und effizienten  Märkten sieht man, dass diese Teilnehmergruppe einige besondere Eigenschaften besitzen sollte. Am wichtigsten ist der aktive kompetente Handel, damit die gesammelten Informationen in aussagefähige Kurse und eine gute finale Prognose eingebracht werden können. Wir unterstützen die Teilnehmer dabei u.a. durch ein Diskussionsforum, Wahlstatistiken und kleine Prämien.

Repräsentativität wäre sogar hinderlich. Die früheren Befragungen von Teilnehmern an Wahlbörsen bei uns und in Österreich zeigen, dass die Teilnehmer aus allen Altersschichten stammen, dass es deutlich mehr Männer sind,  ein überdurchschnittlicher Bildungsabschluss besteht und vor allem ein starkes politisches Interesse vorliegt. Eine große Heterogenität hinsichtlich der politischen Einstellungen ist dabei hilfreich. Individuell sollten sich die Spieler durch Unabhängigkeit, Aktivität, Fairness und Motivation auszeichnen. Man nimmt gemeinsam an einem öffentlichen Experiment teil und möchte gute Ergebnisse abliefern.

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Zu Ihrer Letzten Frage: Unter den Teilnehmern sind also deutlich mehr Männer, überdurchschnittlich viele Akademiker und somit eher unterdurchschnittlich viele Unterschichtsangehörige.

Die Repräsentativität ist bei Umfragen ja zentral. Können Sie Ihre Kritik präzisieren oder an einem Beispiel festmachen?

Walter Mohr: Um meine Vorstellungen zu präzisieren, möchte ich die fast vorbildliche Vorgehensweise von Forschungsgruppe (FGW), die für das ZDF arbeitet, erwähnen. Allerdings steht dieses Institut ziemlich allein auf weiter Flur.

Es veröffentlicht nämlich auch die sogenannte politische Stimmung. Dazu werden bei FGW die Rohdaten aus der Befragung durch soziostrukturelle Gewichtungen derart modifiziert, dass bezüglich bestimmter Merkmale wie Alter, Geschlecht, Einkommen u.a. eine Angleichung der Anteilswerte in der Stichprobe an die Häufigkeitsverteilungen in der Gesamtheit aller Wähler annähernd erreicht wird. Bei der nachfolgenden Projektion werden weitere wichtige Aspekte einbezogen, wie z.B. mittel- oder langfristige Parteibindungen, taktisches Wahlverhalten oder persönliche Bewertung der Hauptkandidaten.

FGW veröffentlicht meist neun Tage vor einer Bundestagswahl letztmalig die Werte der politischen Stimmung. Für die fünf zurückliegenden Bundestagswahlen von 2002 bis 2017 erhält man als Durchschnitt der jeweiligen mittleren, absoluten Fehler 2,2 Prozent, was auf der Skala der Schulnoten etwa noch befriedigend ist. Mit einem Mittel von 1,4 Prozent schneiden die Projektionen jedoch gut bis sehr gut ab. Natürlich wird durch die repräsentative Gewichtung wohl eine Verbesserung der Rohdaten erreicht. Mangels Transparenz wissen wir jedoch nichts über die Stärke. Aber der wesentliche Schub wird offensichtlich durch die weitere Bearbeitung für die Projektion erreicht. Repräsentativität allein ist nicht hinreichend für gute Prognosen.

FGW macht übrigens drei Tage vor der Wahl die finale Prognose, deren mittlerer absoluter Fehler im Durchschnitt bei 1,25 Prozent liegt. Das ist übrigens exakt der Wert, den ebenfalls die PESM-Wahlbörse erreicht hat, wodurch diese beiden Institute auch bei Einbeziehung weiterer Kriterien zusammen an der Spitze der Gesamtrangliste über die letzten fünf Bundestagswahlen stehen. In unmittelbarer, zeitlicher Nähe zu einer Wahl ist die Qualität von Wahlumfragen nachprüfbar. Aber bei größeren Zeitabständen ist diese Kontrolle nicht mehr gegeben, und es kann zu großen Differenzen zwischen den Werten bei der politischen Stimmung und der Projektion kommen. So war z.B. am 17.2.2017 der Wert für die SPD (Martin Schulz) bei der politischen Stimmung 42 Prozent und bei der Projektion nur 30 Prozent, also eine Differenz von 12 Prozentpunkten (vgl. Mohr, Püschel: Wahlprognosen, S. 5). Es handelt sich hier um das Institut mit den weitaus besten Prognosen. Daher würde man gern wissen, wie es die Konkurrenten machen. Aber die Medien verschließen weiterhin die Augen und fordern keine Transparenz.

Leider kann FGW kurz vor dieser Wahl keine Daten zur politischen Stimmung mehr herausgeben, weil der Bundeswahlleiter wegen der fortgeschrittenen Briefwahlen dieses als strafbare Veröffentlichung von Wählerbefragungen vor dem Wahlsonntag sieht. Damit ist unsere obige wichtige Statistik unterbrochen.

Wichtig ist eine gewisse Neutralität der Spieler

Sie sagen provokativ, Repräsentativität sei für eine Wahlbörse hinderlich. Wie kann man denn ohne Repräsentativität das Wahlverhalten aller Wähler prognostizieren?

Walter Mohr: An Wahlbörsen werden, wie ausführlich in unserem Buch dokumentiert ist, im Mittel bessere finale Prognosen erzielt. Dazu braucht man neben der technischen Plattform etwa 50 Stammspieler, die aktiv handeln und gut miteinander in vielen gemeinsam durchgeführten Wahlen eingespielt sind. Wichtig ist ferner eine breite Streuung ihrer politischen Meinungen, was man durch die unterschiedlichen Forumsbeiträge bestätigt sieht. Bisweilen gibt es jedoch sehr linientreue Parteifans, insbesondere von der AfD, die versuchen, die Aktien ihrer Partei nach oben zu kaufen. Größtenteils werden diese Verzerrungen durch andere Mitspieler ausgeglichen.

Für das erfolgreiche Mitspielen an einer Wahlbörse sind noch zwei weitere Voraussetzungen von Belang. Zum einen ein besonderes Interesse für Politik und zum anderen eine gewisse Vertrautheit mit dem Handel an einer Börse. Letzteres kann man schnell lernen, wie Schüler mit ihrer erfolgreichen Wahlbörse zu einer Landtagswahl in Schleswig-Holstein demonstriert haben. Am wichtigsten ist jedoch das Zusammengehörigkeitsgefühl der Spielgemeinschaft mit dem Ziel, eine gute Prognose zu erreichen und möglichst besser zu sein als die meisten Umfrageinstitute.

Die Erstellung guter Prognosen mittels Wahlbörsen oder einfacher Modelle (Regeln) ist lern- und trainierbar, wie in den auch für Nichtstatistiker interessanten Büchern von Tetlock und Gardner (Super Forecasting. Die Kunst der richtigen Prognose) sowie von Kahnemann, Sibony und Sunstein (Noise. Was unsere Entscheidungen verzerrt und wie wir sie verbessern können) aufgezeigt wird. Unsere Spezialprognose mit dem Prognosys-Master-Vote ist dafür ebenfalls ein eindrucksvolles Beispiel.

Kann jeder bei Ihrer Wahlbörse mitspielen? Schließen Sie jemanden aus? Gibt es eine Obergrenze für die Zahl der Spieler?

Walter Mohr: In unserer Wahlbörse kann jeder mitspielen. Vielleicht sollte man eine untere Altersgrenze setzen? Die könnte bei 14 Jahren liegen, weil Schüler bei einer eigenen Wahlbörse sehr gut abgeschnitten haben. Für die Anzahl der Spieler gibt es keine Obergrenze.

Ließe sich etwas für die Gesellschaft aus der Beteiligung oder Nichtbeteiligung bestimmter Gruppen ableiten? Beispielsweise, dass politisch Desinteressierte, weniger Gebildete und Frauen kaum Wahlergebnisse beeinflussen? Oder kommt es darauf an, dass die Spieler, nach Ihnen vornehmlich Männer im mittleren Alter und gut gebildet, neutralere Beobachter sind, die durch ihr Wissen erfassen können, welche politische Stimmung im Land herrscht?

Walter Mohr: Das richtige Mitspielen an der Wahlbörse benötigt politisches Wissen, Recherchearbeit, Urteilsvermögen und statistische Kenntnisse. Jedoch ist die große Mehrheit der Wähler nicht gewillt, sich in diese Materie einzuarbeiten.  Wir benötigen allerdings nur 50 aktive Stammspieler. Zu diesen sind bei der aktuellen Bundestagswahl noch einmal ebenso viele hinzugekommen. Wir würden gern mehr Frauen dabei haben. Dass solches möglich ist, zeigten Schülerinnen, die im Politikunterricht mit der Wahlbörse gearbeitet haben.

Wichtig ist eine gewisse Neutralität der Spieler, weil es nicht darauf ankommt, seine persönlichen Präferenzen durchzusetzen, sondern den gesamten Wahlausgang im Auge zu behalten.

Netzwerke zwischen Medien, Politik und Umfrageinstituten

Sie sagten, dass Medien ihre Wahlbörse nicht übernehmen wollen. Woher rührt die Ablehnung? Erscheint Journalisten das Vorgehen von Meinungsforschungsinstituten mit Umfragen seriöser? Schreckt sie das Zocken ab? Gibt es eingefahrene Verbindungen zwischen Medien und Meinungsforschungsinstituten? Welche Gründe könnten dahinter stehen?

Walter Mohr: Um die Frage zu beantworten, sollte man mit einer Gegenüberstellung von Umfragen und Wahlbörsen beginnen.

Bei Umfragen werden die mittels einer Zufallsstichprobe ausgewählten Personen befragt. Die Prozedur ist für die Teilnehmer eher passiv und ohne persönliche Anreize. Die Rohergebnisse der Befragung werden einer geheim gehaltenen Aufarbeitung von Seiten der Institute unterzogen.

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Wahlbörsen sind ein Meinungsmarkt mit freiwilligen, interessierten Teilnehmern. Die Kursstellung und Entwicklung der Parteiprognosen kann transparent von jedermann eingesehen werden. Die Spieler sind aktiv durch den Handel einbezogen. Ihre Motivation besteht darin, in der Renditerangliste möglichst weit oben zu stehen oder fundierte Beiträge im Forum zu schreiben. Die Wahlbörse bietet somit Information und Unterhaltung.

Beide Methoden sind fehleranfällig. Bei Umfragen gibt es den nicht zu vermeidenden Zufallsfehler, aber auch systematische Fehler z.B. durch Antwortverweigerung oder falsche Antworten. Das versucht man in den Instituten zu korrigieren, jedoch nicht transparent. An einer Wahlbörse ist eine Verzerrung durch unausgewogene Parteilichkeiten der Teilnehmer möglich. Meistens regelt das der Markt allein.

Hinsichtlich der Aktualität ist die Wahlbörse mehrere Tage voraus, weil entscheidende Ereignisse innerhalb kurzer Zeit in die Kurse eingehen. Bei traditionellen Telefonumfragen benötigt die Durchführung und Auswertung etwa drei Tage. Daher sind sie nicht topaktuell. Es gibt jedoch Institute, die mit  reinen Internetanwendungen arbeiten. Hier geht es schneller. Aber die Ergebnisse in den Ranglisten zur Prognosegenauigkeit sind noch nicht überzeugend. Hinsichtlich der Häufigkeit von Umfragen ist die Situation sehr unterschiedlich. Wie man gerade bei den gleichzeitig stattfindenden beiden Landtagswahlen und der Bundestagswahl feststellt, gibt es dort ein Verhältnis von etwa 1:10. Bei Landtagswahlen sind daher auch die Abstände zwischen den Umfragen relativ groß. Wahlbörsen hingegen messen die politische Stimmung kontinuierlich. In unserer Wahlbörse werden alle fünf Minuten neue Kurse (Einschätzungen) berechnet.

Zusatzanalysen werden mittels Umfragen in großem Umfang erstellt. Insbesondere bieten die sehr umfangreichen  Nachwahlbefragungen, die auch in die Hochrechnungen am Wahltag eingehen, spezielle Möglichkeiten, z.B. Untersuchungen über die Wählerwanderungen. In den Hochschulen erfolgt in den entsprechenden Studiengebieten eine umfangreiche, wissenschaftliche Beschäftigung damit.

Bei Wahlbörsen ist das stärker eingeschränkt, aber es gibt auch Märkte für Koalitionen oder Einzelpersonen (wie z.B. Bürgermeisterwahlen). Als das Konzept der Wahlbörse ab 1990 von USA nach Europa kam, konnte man eine rege wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem neuen Ansatz in Deutschland und vor allem Österreich feststellen. Solche Arbeiten sind in den letzten Jahren trotz zunehmender Erfolge der Wahlbörsen deutlich geringer geworden. Es kann auch daran liegen, dass man dafür nicht nur Kenntnisse in Politik, sondern auch in Ökonomie, Psychologie, Statistik und Informatik benötigt.

Der wichtigste Pluspunkt für Umfrageinstitute ist der direkte Zugang zum Wähler. Für eine gute Abschätzung der Entwicklung muss man die Umfragen jedoch regelmäßig durchführen. Wahlbörsen können nur indirekt vorgehen, indem man sich Gedanken macht, wie die Bevölkerung wählen wird.

Das Preis-Leistungsverhältnis ist bei Wahlbörsen deutlich besser. Wir haben kein Problem damit, unsere finanziellen Vorstellungen bekannt zu geben. Ein echter Vergleich kommt jedoch nur zustande, wenn die andere Seite auch dazu bereit ist. Hier sind die Medien gefragt, die die entsprechenden Angebote veröffentlichen könnten.

Der heikelste Punkt ist die Medienverbreitung und vor allem die Medienakzeptanz. Diese ist bei den Umfragen außerordentlich hoch. Bei der aktuellen Bundestagswahl sind allein zwölf Institute aktiv. Dazu gibt es langjährige Kooperationen, z.B. INSA mit Bild oder Forschungsgruppe Wahlen mit ZDF. Bei jeder Bundestagswahl gibt es zudem kleinere oder größere Zeitungsgruppen, die mit Umfrageinstituten kooperieren. Auch Parteien geben Aufträge.

Wahlbörsen können das ebenfalls leisten, aber sie werden trotz großer Bemühungen von unserer Seite kaum nachgefragt. Häufig wissen die Entscheider wenig bis nichts über Wahlbörsen. Dafür werden Vorurteile gepflegt, dass nämlich Umfragen seriös seien, weil sie repräsentativ sind. So etwas gibt es in der Wahlbörse nicht. Dort wird ja nur gezockt. Bei diesen Vorstellungen kann man schwerlich zu einem Geschäftsabschluss kommen. Die meisten Entscheider sind auch nicht bereit, sich die Ranglisten zur Prognosequalität anzuschauen. Wie wir ausführlich in unserem Buch dokumentiert haben (Mohr, Püschel: Wahlprognosen) liegen in der Gesamtrangliste für die letzten fünf Bundestagswahlen die Forschungsgruppe Wahlen und unsere PESM-Wahlbörse an der Spitze. Knapp dahinter folgt die österreichische Wahlbörse Wahlfieber. Mit deutlichem Abstand sind in dieser Reihenfolge Emnid (Kantar), Allensbach, Forsa, infratest und GMS zu finden. Entsprechend sieht die Gesamttabelle für die Landtagswahlen in den 16 Bundesländern aus.

Durch die bestehenden engen Netzwerke zwischen Medien, Politik und Umfrageinstituten haben wir trotz der dargestellten Stärken unserer Methode seit langer Zeit enorme Schwierigkeiten, in den politischen Meinungsmarkt zu kommen. Mein mutiger, älterer Kollege Ulmer, der häufig die Umfrageinstitute massiv angegriffen hat, hat es schärfer formuliert: “Es besteht ein Kartell aus Meinungsforschungsinstituten, Medien und Politik.“

 

Walter Mohr: Studium der Mathematik und Wirtschaftswissenschaften, Lehr- und Forschungstätigkeiten an Fachhochschulen und Universitäten mit über 50 Veröffentlichungen, insbesondere in den Bereichen Zeitreihenanalyse und Wirtschafts- und Wahlprognosen sowie medizinischen Qualitätsuntersuchungen (eHealth).

 

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