Wer ist der Attentäter vom Breitscheidplatz?

Bild: Emilio Esbardo/CC BY-SA-4.0

Es spricht mehr dagegen als dafür, dass der Tunesier Anis Amri den LKW in den Weihnachtsmarkt gelenkt hat.

Ein Täter gilt gerechterweise erst dann als Täter, wenn er zweifelsfrei überführt ist. Bis dahin kann er höchstens als „mutmaßlicher“ Täter gelten. Beim Terroranschlag vom Berliner Breitscheidplatz wird dieser Grundsatz durchweg missachtet. Für die Ermittlungsorgane, für die Politik, aber auch für die Medien soll es ausschließlich der Tunesier Anis Amri gewesen sein, der am 19. Dezember 2016 mit dem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast ist und zwölf Menschen starben.

 

Ein Terroranschlag und wieder das Narrativ vom Einzeltäter. Doch daran gibt es begründete Zweifel.

Eine Zusammenfassung der Widersprüche

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Beginnen wir am Tattag knapp zwei Stunden vor dem Anschlag. Bereits zu diesem Zeitpunkt finden sich Ungereimtheiten. Etwa um 18:15 Uhr ging Amri am Friedrich-Krause-Ufer in Berlin-Moabit an dem LKW der Marke Scania einer polnischen Spedition vorbei, der um 20 Uhr zum Tatwerkzeug wurde. Der LKW war dort abgestellt, weil der Speditionsfahrer Lukasz Urban am nächsten Morgen bei Thyssen-Krupp seine Ladung, Stahlträger, löschen wollte.

Dann machte Amri kehrt, passierte den LKW wieder und begab sich zur Fussilet-Moschee in der Perleberger Straße, wo sich mehrere Personen aufhielten. Amri blieb dort von 18:37 Uhr bis 19:06 Uhr. Dann ging er erneut zum Krause-Ufer, was etwa 20 Minuten dauerte. Unterwegs und lange vor der Bemächtigung des LKW wurde auf dem HTC-Handy, das Amri bei sich trug, sämtliche bisherige Kommunikation gelöscht.

Das BKA stützt sich bei seiner Rekonstruktion auf die Geodaten des HTC-Geräts aus der Google-Cloud. Damit ist aber nicht belegt, wer das Gerät tatsächlich bei sich hatte und ob es ausschließlich Amri war. Möglich ist, dass es auch von anderen Personen genutzt wurde. Insgesamt waren in dem HTC-Mobiltelefon neun verschiedene SIM-Karten eingelegt gewesen. Mehr als von Amri Telefonnummern bekannt sind.

Etwa um 19:30 Uhr soll Amri den polnischen Fahrer erschossen und das Fahrzeug gekapert haben. Nicht ausgeschlossen ist, dass mehrere Personen daran beteiligt waren. Lukasz Urban soll auf seiner Liege hinter den Fahrersitzen gelegen haben, als er mit einem Kopfschuss getötet wurde. Dem widerspricht die Auffindesituation im LKW auf dem Breitscheidplatz. Der Tote kauerte nach rechts geneigt auf dem Beifahrersitz. Das spricht dafür, dass er erst am Anschlagsort starb. Damit wäre die offizielle Version des Tathergangs bereits in Frage gestellt. Zugleich ergäben sich aber etliche neue Fragen: Zum Beispiel die, wie Urban bei der Anfahrt still gehalten werden konnte.

 

Auf der Fahrt zum Breitscheidplatz von 19:30 Uhr bis 20:00 Uhr soll Amri mittels HTC-Handy mit einer Person des IS (Islamischen Staates) in Libyen kommuniziert haben. Wie das technisch gelang, kann das BKA nicht bis ins letzte Detail erklären. Die eingelegte SIM-Karte wurde dazu jedenfalls nicht benutzt.

Zwei Zeugen wollen in der Nähe des Breitscheidplatzes vor dem Anschlag in der Fahrerkabine des Sattelzugs drei Männer gesehen haben. Einer sei ausgestiegen, eher der LKW weiter Richtung Zielort fuhr. Etwa um 20:02 Uhr raste er in den Weihnachtsmarkt.

Ein Augenzeuge, der sich auf dem Platz aufhielt, gibt an, gesehen zu haben, wie im LKW ein stehender Mann von der Beifahrerseite aus dem Fahrer ins Lenkrad gegriffen habe. Nachdem der LKW auf der Straße zum Stehen gekommen war, hörten mehrere Zeugen einen oder mehrerer Schüsse. Ein Zeuge will die Schussabgabe gesehen haben. Mehrere Zeugen sahen den ausgestiegenen Fahrer mit einer Waffe in der Hand.

Beobachtungen, die nicht zum angeblichen Täter Amri passen

Zwei Immobilienberater beobachteten von ihren Büroräumen aus im 20. Stock des Waldorf Astoria-Gebäudes den weggehenden Fahrer. Sie konnten ihn vor allem deshalb im Blick behalten, weil er markante hell-beige-gelbliche Stiefel oder Halbstiefel getragen habe. Einer der beiden begab sich nach unten auf die Straße, um den Fahrer zu verfolgen, der andere blieb oben, um seinen Kollegen per Mobiltelefon zu lotsen. Er machte ein Handyfoto von dem fliehenden Fahrer, als der über den Busbahnhof am Hardenbergplatz schritt. Dann ging er am Gebäude des Bahnhofs Zoo entlang Richtung Norden, passierte die Wache der Bundespolizei, ehe er ihn in Höhe der Unterführung Hertzallee aus den Augen verlor.

Die beiden Zeugen aus dem Waldorf Astoria-Haus haben zwei wesentliche Beobachtungen gemacht, die nicht zum angeblichen Täter Amri passen.

Der trug zu diesem Zeitpunkt rote Sportschuhe und keine hellen Stiefel. Das ist auf einer Videosequenz von 30 Sekunden Länge zu erkennen, die eine Überwachungskamera der Berliner Verkehrsbetriebe um 20:06 Uhr von Amri in einer Unterführung des U-Bahnhofs Zoo machte. Zum zweiten widerspricht die Gehrichtung Amris dem Weg des LKW-Fahrers. Amri war an der Treppe am Bahnhofsgebäude in die Unterführung hinunter gegangen und unterquerte dann den Hardenbergplatz in West-Ost-Richtung und damit in Richtung Tatort, ehe er am östlichen Ausgang beim Zoologischen Garten wieder nach oben kam.

Der Fahrer war an dem Zugang vorbeigegangen, an dem Amri in die Unterführung ging. Das muss nahezu zeitgleich geschehen sein. Vielleicht haben sich beide auch kurz getroffen. Vielleicht hat eine Übergabe beispielsweise der Tatpistole stattgefunden.

Die Aufnahme belegt andererseits aber, dass Amri jedenfalls zur Tatzeit in Tatortnähe gewesen ist. Wenn der Fahrer des Tat-LKW jemand anderes war, wären mindestens schon zwei Personen an dem Attentat beteiligt gewesen.

Die Mobiltelefone

In und an der Zugmaschine wurden zwei Mobiltelefone des angeblichen Täters Amri gefunden. Das HTC-Handy steckte rätselhafterweise in einem Loch vorne in der Karosserie des LKW. Durch den Aufprall kann es nicht dahin gelangt sein. Es muss jemand dort abgelegt haben.

Bei der Auswertung des HTC-Geräts wurden im Foto-Storage zwei Fotos gefunden, die den Breitscheidplatz nach dem Anschlag zeigen. Der Täter, der den LKW fuhr und dann flüchtete, kann sie nicht gemacht haben.

In der Fahrerkabine lag außerdem Amris rotes Klapphandy älteren Jahrgangs und nicht internetfähig. In ihm steckte keine SIM-Karte, es war damit ein Telefon ohne Wert. Mit der SIM-Karte, die in dem Klapphandy normalerweise benutzt wurde, war zuletzt am 18. Dezember 2016 telefoniert worden. Am 19. Dezember wurde sie vor dem Anschlag aus dem Gerät herausgenommen. Die Ermittler haben sie nie gefunden. Sie stellten lediglich fest, dass sich die Rufnummer dieser SIM-Karte am 21. Dezember 2016 um 17.30 Uhr in einer Funkzelle am Berliner Ku’damm  eingeloggt hatte. Amri war zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg von Amsterdam nach Brüssel. Die fragliche Rufnummer erfuhr das BKA übrigens von einem ausländischen Partnerdienst. In Frage käme dafür das FBI.

Neben dem roten Klapphandy fanden die Ermittler in der Fahrerkabine des LKW eine Geldbörse, in der unter anderem eine Duldungsbescheinigung der Ausländerbehörde Kleve für Anis Amri steckte. Die Geldbörse lag unter einer Wolldecke und wurde erst am Nachmittag des 20. Dezember entdeckt.

Sogar erst am 10. Januar 2017, also drei Wochen nach dem Anschlag, soll bei einer „Nachsicht“ im LKW ein Zettel entdeckt worden sein, auf dem das Wort „HARDENBERGSTRB“ geschrieben stand. Allerdings lag der Zettel einigermaßen exponiert vor der Tachoanzeige. Auf dem Zettel wurde ein DNA-Mischprofil von drei Personen gesichert, eines gehörte dem Speditionsfahrer Urban, bei einem anderen könne Amri „in Betracht“ gezogen werden, das dritte ist unbekannt.

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DNA-Spuren einer unbekannten Person, die auf dem Fahrersitz gesessen haben muss

Auf den unbeweglichen Teilen im LKW-Cockpit gibt es von Amri keinerlei Fingerabdrücke und lediglich eine DNA-Mischspur, für die Amri, so die BKA-Sprachregelung erneut, „in Betracht“ käme. Zwei Fingerabdrücke von ihm wurden lediglich außen an der Fahrertüre gesichert.

Allerdings fand sich im Fahrerhaus an mehreren Stellen DNA einer anderen Person, die nicht identifiziert wurde, also auch nicht unter den Fahrern der Spedition zu finden ist.  Diese unbekannte Person, von den Ermittlern „UP 2“ genannt, muss auf dem Fahrersitz gesessen haben.

Von Anis Amri verflüchtigen sich die Spuren nach dem Anschlag. Laut BKA soll er etwa um 21:40 Uhr in seiner Unterkunft in der Freienwalder Straße im Stadtteil Wedding seinen Rucksack geholt und direkt wieder aufgebrochen sein. Zwei seiner Mitbewohner machen zum Zeitpunkt der Rucksackabholung allerdings widersprechende Angaben. Sie meinen, dass das eher zwischen 16 und 18 Uhr gewesen sein soll. Das würde auch die Rekonstruktion des Tathergangs und der Täterschaft erheblich beeinflussen.

Jedenfalls fehlt von Amri etwa ab 22 Uhr vom 19. Dezember bis zum 21. Dezember 2016, etwa 7 Uhr, jede Spur. Ein V-Mann des Verfassungsschutzes aus Mecklenburg-Vorpommern, der am Tattag in Berlin war, berichtete später, Amri habe bei seiner Flucht Hilfe einer arabischen Großfamilie gehabt.

Etwa 33 Stunden nach der Tat wurde Amri im nordrhein-westfälischen Emmerich in einem Bus nach Kleve gesehen. Wie er dorthin kam und was er dort wollte, ist unbekannt. Er wohnte einmal in einem Flüchtlingsheim in Emmerich.

Von Kleve reiste er über Nimwegen und Amsterdam nach Brüssel. Dort entstand eine zweite Lücke von mehreren Stunden bis um die Mittagszeit des 22. Dezember, als der Flüchtende in Lyon auftauchte. Damit ist unklar, wo Amri zwei Nächte verbrachte. Seine Route führte ihn weiter nach Turin und  Mailand bis in den Mailänder Vorort Sesto San Giovanni. Dort wurde er etwa um 3 Uhr morgens am 23. Dezember 2016 von zwei Polizisten kontrolliert. Es soll zum Schusswechsel gekommen sein, bei dem ein Beamter verletzt wurde und Amri starb. Eine Kugel traf ihn in den Rücken,  die andere in den Oberarm. Amri benutzte die Pistole, mit der am 19. Dezember der polnische Fahrer Urban erschossen worden war.

Amri führte bei seiner Flucht auch ein Mobiltelefon mit sich. Offiziell heißt es allerdings, bei dem Toten sei keines gefunden worden.

An der Pistole wiederum wurde neben DNA-Spuren von Amri und dem Opfer Urban auch DNA von Amris Berliner Mitbewohner Kamel A. gefunden. Dennoch ist er für das BKA kein Tatverdächtiger. Genauso wenig, wie andere Personen aus Amris Umfeld, die dafür in Frage kämen: Bilel Ben Ammar, Khaled A., Soufiane A. oder Emrah C. beispielsweise. Mehrere von ihnen wurden sogar aus Deutschland abgeschoben.

Amri war am Tatort und hatte bei der Flucht nach Italien die Tatpistole bei sich

Auf seiner dreitägigen Flucht schickte Amri an Bekannte eine Whats-App-Nachricht, in der er bestritt, mit „der Sache“, sprich: dem Anschlag, zu tun zu haben und zudem bat, ihm zu helfen. Was es mit diesem Dementi auf sich hatte, ist bisher nicht analysiert. Wollte sich Amri dagegen wehren, für den Anschlag allein verantwortlich gemacht zu werden?

Denn er hatte mit der „Sache“ durchaus zu tun. Er war am Tat-LKW, er war am Tatort, er hatte die Tatpistole bei sich. Wenn er nicht der Haupttäter war, der im LKW saß, dann war er Mittäter oder Unterstützer. Er kann als der erste gesicherte Tatbeteiligte gelten. Doch wer waren die anderen Täter, wer der Haupttäter, der den LKW in den Weihnachtsmarkt steuerte?

Die Antworten sind offen. Die mutmaßliche Täter- und Helfer-Gruppierung setzt sich zusammen aus einem „deutschen“ Teil, der sich unter anderem in der Berliner Fussilet-Moschee bewegte, aus einem „ausländischen, tunesischen“ Teil reisender Dschihadisten, aus Personen der Organisierten Kriminalität sowie aus V-Personen und Informanten der Polizei- und Verfassungsschutzbehörden. Weitgehend im Dunkeln sind bisher die Verbindungen zu ausländischen Dienst- und Sicherheitsstellen.

Mit der Festlegung Amris als alleinigem Täter soll die Akte Breitscheidplatz zugeklappt werden. Damit wird das Attentat zum doppelten Skandal: Es konnte geschehen – und es soll nicht aufgeklärt werden. Das ist – nebenbei – eine erstaunliche Parallele zum NSU-Skandal.