Wie ich vom Kanzleramtsberater zur ‚Gelbweste‘ wurde

 

Gelbwesten-Kundgebung in München. Screenshot von YouTube-Video

Ich ziehe mir an diesem bitterkalten Dezembertag des Jahres 2018 in München-Schwabing eine Gelbweste über und schultere ein Protestbanner – und das als ehemaliger Manager und Kanzleramtsberater.

Passanten starren unsere Gelbwestengruppe aus Band- und Leiharbeitern, aus Jugendlichen, Rentnern und Künstlern entweder ungläubig oder mitleidig lächelnd an. Sie ziehen lieber in die Stadt zum Shoppen. Viele Deutsche sind befremdet von der Gewalteskalation zwischen protestierenden „Gelbwesten“ und Polizei im französischen Nachbarland. Einen kurzen Augenblick frage ich mich, ob ich vollkommen verrückt geworden bin. In Paris versuchte ein Straßenmob gerade, mit Gewalt den Élysée-Palast zu stürmen. Und Massen von sozialen Verlierern der französischen Gesellschaft wollen die Hautevolee der Schönen und Reichen aufmischen. Warum kann ich das gutheißen? Genau darum: Weil ich die Geld- und Machteliten über Jahrzehnte genau kennengelernt und aus nächster Nähe erlebt habe. Weil ich beobachtet habe, wie diese Kaste begonnen hat, den Rest der Bevölkerung entweder weitgehend zu ignorieren oder ihn sogar als Gegner zu betrachten und zu behandeln. Ich sage ganz klar: Ich habe den Verrat der Eliten am eigenen Leib erfahren.

Um mich herum hat sich eine bunte Truppe von Protestierenden mit deutscher, französischer, türkischer und russischer Abstammung zusammengefunden. Wir bilden ein Bündnis der deutschen Sammlungsbewegung Aufstehen, der Band- und Leiharbeitergewerkschaft Social Peace und der französischen Sammlungsbewegung „Unbeugsames Frankreich“ Wir halten die Trikolore und die deutsche Flagge sowie zahlreiche Protestbanner hoch.

Wie aber komme ich dazu, als Manager und Ex-Kanzleramtsberater Protestfiguren wie Sahra Wagenknecht und Jean-Luc Mélenchon nachzueifern? Ja ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und sage: Wir wollen möglichst viele Deutsche dazu bringen, unseren Eliten die gelbe und bald die rote Karte zu zeigen.

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Unsere Chancen, bei den Münchnern auf größere Resonanz zu stoßen, sind allerdings gering. Die deutschen Medien haben in der Mehrzahl einseitig und negativ über die größte Protestwelle gegen das Pariser Establishment seit Jahrzehnten berichtet. Sie verschweigen lieber die Motive derjenigen, die diese Bewegung tragen: Dass es sich tatsächlich um eine Bewegung von ganz unten handelt – eine Bewegung von Bürgern jenseits der großen Metropolen, eine Bewegung der Mittel- und Unterschichten, die sich politisch vergessen fühlen und darum trotz Winterkälte nicht davon abbringen lassen, sich über Monate an tausenden Kreisverkehren zu versammeln und das Land zu blockieren. Ihre grenzenlose Enttäuschung und Verbitterung über die unfähigen Pariser Eliten treibt sie an: Diese haben sie über Jahre mit falschen Versprechungen hingehalten, einer Elite, die sich selbst gerne bedient und keine Verantwortung übernimmt, eine Elite aus liberalen Kosmopoliten und einer sogenannten „gauche caviar“, linken Bonvivants und Besserwissern, die selbst gut leben und andere moralisch belehren.

Das „petit peuple“ wacht auf

Mir ist der wahre Grund klargeworden, warum die Gelbwesten so hartnäckig protestieren, nachdem ich sie sie selbst kennengelernt habe: Er liegt in einem grandiosen Gemeinschaftserlebnis. Dieses besteht darin, dass sich viele alleingelassen gefühlt haben mit ihren Sorgen und Problemen. Jetzt aber entdeckt das „petit peuple“ sich selbst: All diese Menschen aus dem Volk, aus den sogenannten „classes populaires“ machen die Erfahrung, nicht mehr allein zu sein. Sie finden sich plötzlich in einem Wir wieder.

Jahre und Jahrzehntelang hatten die Führungsschichten aus Politik und Wirtschaft, die „classes dirigeantes“, sie übersehen, ja sie sogar unverblümt verachtet: Das neue Prekariat der Dienstleistungsgesellschaft, in das viele aus der Mittelschicht abgestiegen sind, all die Teilzeitbeschäftigten, die Minijobber, die kleinen Angestellten und Erwerbstätigen, die Händler, Soloselbständigen, die immer härter um ihre Existenz kämpfen. Jetzt plötzlich haben sich die kleinen Leute, das „petit peuple“, wiedergefunden. Und sie haben mir berichtet, was dabei mit ihnen geschehen ist: Sie haben ihre soziale Scham und ihr Schuldgefühl verloren. Ihnen wurde als Schuld eingeredet, sie seien allein verantwortlich für ihr Versagen. Sie hätten zu wenig gearbeitet und sich disqualifiziert, um an der von oben gepriesenen Globalisierung teilzunehmen. Sie wären ungeeignet und zu erfolglos, um Teil der neuen Gesellschaft zu werden. Dafür haben sich die Unteren geschämt.

Biotop der Bessergestellten

Die hippe, obere Gesellschaft definiert sich im Gegensatz dazu als Avantgarde und als Zukunft: Materiell gut abgesichert, moralisch überlegen und politisch korrekt. Mit diesem Sendungsbewusstsein und dieser Überlegenheit besetzt sie die Schaltzentralen von Wirtschaft und Politik und die Metropolen. Sie stempelt gleichzeitig den Rest der Gesellschaft als materiell und moralisch unterlegen ab und verdrängt ihn möglichst aus ihrem neuen Herrschaftsgebiet, dem öko-sozialen Luxus-Biotop der Großstädte.

Doch jetzt plötzlich schütteln diese kleinen Leute den Makel ab, den ihnen diese neue urbane Kaste aufdrückt. Sie verlassen ihre Mietskasernen in den Metropolen, ihre „rückständigen Regionen“ und treten ins Licht. Der Frankreich-Experte Sebastian Chwala erklärt den großen Zustrom zu der neuen Bewegung: „Die Zusammenkünfte der ‚Gelbwesten‘, die im Gegensatz zu den formalisierten Strukturen der Parteien und Gewerkschaften auf ein familiäres, lockeres Miteinander setzten, haben viele Menschen (besonders Frauen) aus der sozialen Vereinzelung geholt und eine neue Form der Identität geschaffen.“ Sie gehen auf die Straße und finden ihre Sprache wieder. Das löst einen ungeheuren Aha-Effekt bei ihnen aus: Ihr Protest macht sie plötzlich aus vorher Unsichtbaren, Ohnmächtigen und Sprachlosen zu Sichtbaren und zu einer lauten und mächtigen Masse auf den Straßen und auf den Plätzen Frankreichs. Darum lassen sie sich von dort nicht mehr so einfach vertreiben.

Zeit der Zahnlosen

Sie können es kaum glauben, dass sie endlich gesehen werden, dass sie reden und andere ihnen zuhören. Der obere Teil Frankreichs muss ihnen endlich zuhören, weil sie eine Macht von unten bilden. Ihnen fließt Macht zu, den vorher Macht- und „Zahnlosen“, wie hochrangige Politiker sie abfällig bezeichneten. Dieses ungeheure Erlebnis, lässt sie einen langen und kalten Winter auf den Straßen und an den tausenden Kreisverkehren im ganzen Land ausharren.

Die Deutschen dagegen erfahren nicht viel über diese Aha-Erlebnisse und den positiven Befreiungsakt der kleinen Leute der Nachbarnation. Die deutschen Medien behalten ziemlich Stillschweigen darüber. Sie berichten eher aus der Perspektive des Präsidenten und der privilegierten Pariser Schichten – und werten die Gelbwestenbewegung ähnlich einseitig ab wie sie später die Proteste der Corona-Krise diffamieren sollten.

Darum geht unsere Protestgruppe jetzt an die Öffentlichkeit. Gerade weil unsere Politiker und Medien sich irrational in grenzenlose Sympathie und Solidarität für den vermeintlich großen Europäer Emmanuel Macron hineinsteigern. Und weil es mancher linken Organisation nicht passt, dass die „Gelbwesten“ bis dahin politisch passive weiße Arbeiterschichten mobilisiert haben.

Auszug aus dem gerade erschienenen Buch: „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen. Ein Insider entlarvt die neue Geld- und Politikkaste“ von Hans-Christian Lange.

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