Wirecard: In Jan Marsalek Welt gab es keine Regeln

Bild: Web Summit/CC BY-2.0

Marsaleks letzte Chat-Nachrichten vor seinem vollständigen Untertauchen

Der Fall Wirecard ist der größte Wirtschaftsskandal der Nachkriegszeit. Über Jahre hinweg trommelten Analysten für die Aktie, Prüfer hielten die Hand auf, Aufseher schauten weg und Politiker gaben Schützenhilfe. Felix Holtermann hat Wirecard früh kritisch durchleuchtet und brisantes, bislang unveröffentlichtes Material zutage gefördert – unter anderem die letzten Nachrichten des Vorstands Jan Marsalek auf der Flucht. Und er legt mit „Geniale Betrüger“ nun ein Buch vor, das tief blicken lässt und die Defekte der deutschen Finanzwelt gnadenlos offenlegt. Ein Auszug.

Es sind die Worte eines Entlaufenen. “Die Alternative wäre gewesen, dass ich ins Gefängnis gehe”, schreibt Richard Dabrowski am 27. Juli 2020 an einen Vertrauten. “Meine aktuelle Situation ist schwierig. Ich bin in meinem Handlungsspielraum deutlich eingeschränkt.”

Einschränkung. Was für ein Wort, was für ein Gefühl für diesen Mann. Jahrelang kannte sein Leben keine Grenzen. Die Eckpunkte seines Schaffens waren München, Dubai, Singapur. Er flog im Privatjet, nächtigte in Fünf-Sterne-Hotels wie dem Marina Bay Sands oder Mandarin Oriental. Zu seinen Freunden zählten Oligarchen, Politiker, Spione. Wenn ihm danach war, legte Dabrowski ein paar Tage auf der ostafrikanischen Trauminsel Benguerra vor der Küste Mosambiks ein. Zum Zahlen zückte er seine Visa-Kreditkarte aus echtem Gold, Nummer 4596 0332 6126 2060.

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Es gab keine Regeln in Dabrowskis Welt. Mochten gewöhnliche Menschen an Einnahmen und Ausnahmen denken, an Vorschriften oder gar Moral, Dabrowski tat, was er wollte. Er bestimmte, er protzte, er genoss. Bis seine Welt – und sein Arbeitgeber – implodierte. Als Dabrowski seine Telegram-Nachricht absetzte, war er schon seit fünf Wochen auf der Flucht. Sein Gesicht sollte bald auf internationalen Fahndungsplakaten prangen.

Richard Dabrowski ist ein Deckname, ein Alias. Der echte Richard Dabrowski ist Lehrbeauftragter für Sicherheitsstudien am Joint Forces Staff College in Virginia, der Eliteschmiede der US-Streitkräfte. Der Mann, der ihm seine Identität klaute, nutzte im Telegram-Chat Dabrowskis echtes Bild – ein Porträt in Uniform. Getroffen hat der Dieb Dabrowski wahrscheinlich nie. Er hat ihn nur benutzt – so wie er die ganze Welt benutzte.

Die Rede ist von Jan Marsalek. Im Sommer 2020 ist der gebürtige Wiener 40 Jahre alt. Bis zum 18. Juni war er Chief Operating Officer (COO) beim Zahlungsdienstleister Wirecard aus Aschheim bei München. Als COO kümmerte sich Marsalek zehn lange Jahre um den Vertrieb und das Asiengeschäft, das dem Konzern Jahr für Jahr angeblich traumhafte Wachstumsraten bescherte und die fantastischen Börsenziele von Vorstandschef Markus Braun ermöglichte.

Braun sitzt Ende Juli 2020 in Untersuchungshaft wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs in Milliardenhöhe, der Untreue und anderer schwerer Wirtschaftsvergehen. Wirecard teilte am 18. Juni 2020 mit, dass ein Konzernvermögen von 1,9 Milliarden Euro in Asien, ein Viertel der Bilanzsumme, nicht aufzufinden wäre. Höchstwahrscheinlich gab es das Geld nie. Nun gibt es Konsequenzen.

Braun muss ins Gefängnis, Marsalek flüchtet. Kollegen erzählt Marsalek noch, er wolle auf den Philippinen nach dem verschwundenen Milliardenvermögen suchen. Tatsächlich reist er einen Tag nach seinem Rauswurf bei Wirecard per Privatjet ins weißrussische Minsk, später weiter in die Nähe von Moskau. Der russische Auslandsgeheimdienst hilft ihm dabei.

In Deutschland weiß man davon nichts, man kann es sich auch nicht vorstellen. Zwar hat es schon Vorstände gegeben, die von einem Tag auf den anderen ihren Job verloren. Aber kein Dax-Vorsteher ist je über Nacht einfach verschwunden. Ein paar Wochen später steht Marsalek auf der “Most Wanted”-Liste der europäischen Polizeibehörde Europol. Trotzdem schmiedet Marsalek schon Pläne mit einstigen Vertrauten.

Einer von ihnen ist Goran Cudnovic (Name geändert), Geschäftsmann, ehemaliger Tourismusmanager und Start-up-Investor. Er kennt Marsalek seit gemeinsamen Partynächten im Münchner Edelclub “Pacha” um die Jahrtausendwende. Cudnovic arbeitet für Marsalek erst als Berater, 2017 tritt er ganz in seine Dienste. Die beiden wollen gemeinsam Internetfirmen aufbauen und an die Börse bringen.

Cudnovic bringt das unternehmerische Geschick und seine Kontakte in die Firma ein, Marsalek das Geld. So ist der Deal. Am Bilanzbetrug bei Wirecard ist Cudnovic nicht beteiligt.

Dafür weiß er viel über Marsaleks Nebengeschäfte. Nach dem Untergang des Konzerns ist Cudnovic einer der letzten Vertrauten Marsaleks. Der Mann, nach dem international gefahndet wird, kontaktiert Cudnovic per Telefon und Chat. Der Austausch gibt Einblick in sein Schattenreich – und legt offen, welche Pläne Marsalek für die Zukunft hatte.

Wie eng die Beziehung der beiden Männer ist, zeigen ihre Nachrichten bei Telegram. Marsalek agiert unter den Decknamen Richard Dabrowski und Karim Gasmi. Cudnovic nennt sich Daniel Craig. So heißt der Hauptdarsteller der James-Bond-Filme seit 2005.

!Sag Bescheid, falls Du reden willst”, schreibt Marsalek am 23. Juli 2020, vier Wochen nach seiner Flucht. “Gerne”, antwortet Cudnovic, “aber unsere Themen dezimieren sich gerade selbst.”

Es gab einmal viele davon. Von ihrer Gründerzeitvilla in der Prinzregentenstraße 61 in München aus bauten die beiden Männer ein kleines Firmenimperium. Im Zentrum steht die Beteiligungsgesellschaft IMS.

Marsalek arbeitet in den letzten zwei Jahren vor seinem Verschwinden fast jeden Tag in der Villa. Zum Lunch geht es zum Nobelrestaurant “Käfer” um die Ecke, nur noch selten per Taxi in die zehn Minuten entfernte Wirecard-Zentrale in Aschheim. Dort werden die erfundenen Geschäfte in Ostasien verbucht. Die realen Deals steuert Marsalek aus der Villa heraus.

Im Sommer 2020, so scheint es, hat Marsalek in seinem Leben zwischen Schein und Sein die Orientierung verloren.

“Guten Morgen! Gib mir bitte Bescheid, wie wir jetzt weiter vorgehen und was ich tun soll/kann. Wollen wir mal telefonieren?”, fragt Marsalek am 24. Juli. Cudnovic schlägt den späteren Nachmittag vor. Marsaleks Antwort um 15:50 Uhr: “Bei mir ist es leider schon etwas spät.”

Vier Uhr nachmittags in Deutschland entspricht 23 Uhr auf den Philippinen: Selbst gegenüber seinem Vertrauten hält Marsalek die Scharade aufrecht, sich in einer entfernten Zeitzone aufzuhalten. Der Wirecard-Vorstand zog bei seiner Flucht alle Register. Bestochene philippinische Grenzbeamte fälschten für ihn die Einreisedatenbank des Landes, sie zeigte seine Ankunft am 23. Juni 2020. Erst durch Videoaufnahmen am Airport fiel der Schwindel auf.

Wo immer er jetzt sein mag – Marsalek wiegt sich in Sicherheit und plant seine Zukunft. Seine Chats mit Cudnovic zeigen ein Duo, das ernsthaft glaubt, etwas aus dem Trümmerhaufen zu sichern, der Wirecard nun ist. “Ich denke es wäre schon wichtig heute zu klären wie es weitergeht”, schreibt Cudnovic am 27. Juli. “Ich bin dabei alles aufzulösen und zu retten was zu retten ist. Ohne Funds wird das schwierig.”

Mit Funds ist Geld gemeint: Eine Reihe an Start-ups, in die beide Männer investierten, braucht frische Mittel. Gelingt es Marsalek und Cudnovic, die mutmaßlich mit abgezweigten Wirecard-Geldern hochgezogenen Firmen an die Börse zu bringen, könnten sie große Kasse machen.

“Es fehlen folgende Beträge für einen reibungslosen Ablauf”, schreibt Cudnovic. Er rechnet vor: 5,0 Millionen Euro schulde IMS mehreren Start-ups, 3,0 Millionen dem Vermieter der Villa, 1,4 Millionen der Wirecard Bank, 3,4 Millionen schließlich Marsalek selbst. Und 1,0 Millionen Euro werden für Betriebsausgaben gebraucht. Das Problem: Die IMS hat kein Geld mehr. Bisher sorgte Marsalek für regelmäßige Zahlungseingänge. Doch auf der Flucht versiegt die Quelle.

!Wenn du das kurzfristig schickst, ist alles ok… gerne auch in Bitcoins… die kann ich sofort convertieren”, schreibt Cudnovic.

Der flüchtige Marsalek, der angeheitert einmal damit prahlte, 300 Millionen Euro schwer zu sein, stellt sich quer: Erst einmal müsse eine neue Struktur her, die ihm auch auf der Flucht einen Durchgriff auf seine Firmen erlaube. “Es geht meines Erachtens nicht nur um Geld sondern auch ein paar strukturelle Fragestellungen, die es zu klären gilt”, referiert er. Es mag ein gewaltiger Druck auf ihm lasten, seine gewählte Ausdrucksweise behält der Österreicher bei.

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Cudnovic ist nach Wochen des Wartens ungeduldig: “Sicherlich. Aber als erstes geht es um Geld und darum, alles von meinen Schultern zu nehmen, und dann können wir an die Struktur ran.” Marsalek: “Ich fürchte, das sollte Hand-in-Hand gehen.” Cudnovic: “Ich fürchte der Zug ist abgefahren.”

Marsalek versucht, den aufgebrachten Vertrauten zu beruhigen: Dieser solle doch als Geschäftsführer und Eigentümer der IMS zurücktreten. “Dann hast Du keine Risiken.” Er könne ja als Prokurist und Gesellschafter an Bord bleiben.

Jan Marsalek ist einer der meistgesuchten Männer Europas – sein Geschäftssinn ist weiter hellwach. Was er vorschlägt, ist nichts weniger als eine kalte Enteignung. Cudnovic gehören laut Handelsregister 100 Prozent der IMS. Daneben gibt es eine geheime Absprache: Ein zwischen beiden Männern geschlossener Treuhandvertrag spricht Marsalek einen “Anteil am Unternehmen IMS Capital Partners GmbH in Höhe von 75 %” zu. Dieser werde durch Cudnovic treuhänderisch verwaltet. Marsalek lehnt ab, den Vertrag beim Notar zu hinterlegen. So kann er aus dem Schatten heraus Geschäfte machen.

Die Staatsanwaltschaft glaubt, Marsalek habe im Laufe der Zeit einen dreistelligen Millionenbetrag aus Wirecard herausgeschleust. Ein kleiner Teil davon floss direkt in die Start-ups der IMS, ein anderer über den Umweg zweier türkischer Firmen. Zusätzlich erhielten Marsaleks Start-ups von der Wirecard Bank Millionen als Kredit und für angebliche Beratungsleistungen.

So fein austariert das Netzwerk gewesen sein mag: Mit dem Zusammenbruch Wirecards und dem Abtauchen Marsaleks steht es im Sommer 2020 vor dem Kollaps.

“Mich hast du hier zurückgelassen und im Prinzip am langen Arm verhungern mit mehr als 10 [Millionen Euro] Verpflichtungen … das ist nicht lustig”, beschwert sich Cudnovic am 27. Juli. Marsalek verweist auf die Alternative: den Gang ins Gefängnis. “Wie hätte das die Situation besser gemacht? Ich verstehe nicht ganz, was Dein Vorschlag ist.”

Cudnovic platzt der Kragen. “Ihr habt die letzten Jahre Milliarden geklaut mit Hilfe von James und Co”, schreibt er in Anspielung auf einen weiteren Marsalek-Vertrauten, James Henry O’Sullivan. Mit diesem hatte Marsalek große Wirecard-Deals eingefädelt – und den Konzern ausgesaugt.

“Die Marionetten wie ich haben euch einen offiziellen Touch gegeben. Und jetzt lasst ihr alle fallen”, schimpft Cudnovic.

“Mein Name steht hier überall drauf … Also brauch ich 10 [Millionen Euro] Kapital jetzt. Dann gehe ich den Verpflichtungen nach und dann reden wir über Struktur. Andere Option ist, ich löse das in den kommenden Monaten alleine und schaue was übrig bleibt und welche Schäden ich abbekomme dadurch. Also ziemlich einfach…”

Nicht für Marsalek. Versucht Cudnovic, ihn auszubooten? Der Ex-Vorstand verliert zum ersten Mal die Contenance: “Es kann nicht sein, dass Du zuerst von mir Geld willst und dann erst mit mir über die Strukturen der Zukunft reden willst. Ich bitte um Verständnis, dass wir das zeitgleich lösen müssen.”

Marsalek beginnt nun seinerseits zu drohen: “Außerdem finde ich es befremdlich, dass Du Dich als ‘Marionette’ bezeichnest. Du warst der Erste, der gerne Consulting Fees von Wirecard angenommen hat, der an Geldwäsche-Lösungen gebastelt hat, etc. Von der Finanzierung deines Hauses mal ganz zu schweigen (Smiley).”

Mit der Hausfinanzierung spielt Marsalek auf eine IMS-Sonderausschüttung an Cudnovic an, mit den “Consulting Fees” auf die abgerechneten Beratungsdienste. Tatsächlich hatte Cudnovic zwischen März 2019 und Juni 2020 insgesamt 160 000 Euro für Kundenakquise und Geschäftsentwicklung von Wirecard erhalten. Eine Beteiligung an Geldwäsche bestritt er gegenüber der Staatsanwaltschaft.

“Ich würde wirklich gerne Getnow & Co. retten – die Firmen verdienen das. Aber wir können das nur gemeinsam machen”, schreibt Marsalek. Sein Tonfall wird wieder versöhnlicher: “Ich habe Dir doch immer geholfen, wenn ich konnte … Ich bin für jeden Lösungsweg zu haben, aber bitte nimm Rücksicht darauf, dass wir einfach eine Governance-Struktur brauchen, die nicht auf Vertrauen beruht – ich glaube, das haben wir beide aktuell nicht (mehr).” Der Flüchtige beschwört sein Gegenüber: “Lass uns doch bitte morgen mal in Ruhe telefonieren. Dann besprechen wir das und ich bin optimistisch, dass wir eine Lösung finden werden!”

Die Lösung wird nicht gefunden. Auch im August bleiben die versprochenen Zahlungen aus. Gleichzeitig fordern die türkischen Gesellschaften, die mit Marsalek verbandelt sind, knapp 20 Millionen Euro von der IMS zurück. Versucht der Flüchtige etwa, an frisches Geld zu kommen?

Im Spätsommer verklagen die türkischen Firmen Cudnovic und erstatten Strafanzeige. Sein Privatvermögen wird arrestiert – ein Zustand, der sich erst im März 2021 durch einen Aufhebungsbeschluss des Landgerichts München ändert. Vorher, Ende Oktober 2020, kommt Cudnovic 18 Tage in Haft.

Während Marsaleks Geschäftspartner hinter Gittern sitzt, durchsucht die Staatsanwaltschaft ihre ehemals gemeinsame Villa. Wichtiges findet sie nicht. Wochen zuvor, Ende August, wird in die Prinzregentenstraße 61 eingebrochen, Marsaleks Büro ausgeräumt. Einbruchsspuren gibt es nicht, die Täter kommen per Schlüssel durch den Keller ins Gebäude.

Cudnovic wirft Marsalek am 31. August vor, er und seine Geheimdienstfreunde steckten dahinter. Der Flüchtige geht nicht darauf ein. “Die sind über den Keller rein?”, fragt er treuherzig. Dann schickt er seinem ehemaligen Vertrauten die letzte Nachricht, bevor der Chat-Account “Richard Dabrowski” gelöscht wird. Sie ist kurz: “Alles sehr seltsam.” Seltsam ist vieles im Fall Wirecard: Seltsam ist der geheimnisvolle Einbruch in Marsaleks Villa. Seltsam ist das ungeheuerliche Treiben der Manager und ihrer Helfer in Deutschland und am Ende der Welt. Und seltsam ist auch die gesamte fantastische Firmengeschichte des einst so hofierten Hoffnungsträgers …

 

Felix Holtermann: „Geniale Betrüger. Wie Wirecard Politik und Finanzsystem bloßstellt“, 320 Seiten, Westend Verlag, 12.4.2021

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