Wo ist Dr. Kuntschev? Seit Wochen ist Bulgariens oberster Pandemiebekämpfer verschwunden

 

Milen Miluschev will Angel Kuntschev getroffen haben.Bild von derFacebookseite von Miluschev
Der staatliche Gesundheitsinspektor war für die Coronamaßnahmen zuständig und warb fürs Impfen, seit sieben Woche ist nicht klar, ob er lebt, erkrankt oder gar an Covid gestorben ist, die Regierung schweigt.

Seit der Verhängung des ersten Lockdowns im März 2020 war Dozent Dr. Angel Kuntschev die Schlüsselfigur in Bulgariens Kampf gegen die Pandemie des neuartigen Coronavirus. Dem Staatlichen Gesundheitsinspektor oblag es, der bulgarischen Regierung Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung vorzuschlagen wie die Schließung von Schulen, Shopping Malls, Restaurants und Fitnesstudios und den Erlass der Maskenpflicht.

Morgens tingelte er unermüdlich durch die Frühstückssendungen der nationalen TV-Sender, um die Bulgaren zur Impfung gegen das Coronavirus aufzurufen und dabei auch die allgemeine Impfpflicht für konform mit den bürgerlichen Freiheitsrechten zu erklären. Sein Erfolg beim Werben für die Impfung war indes bescheiden. Die Bulgaren sind mit einer Impfquote von rund 29 Prozent die hartnäckigsten Impfskeptiker in der Europäischen Union (EU).

Am 12. Oktober 2021 verabschiedete sich der doppelgeimpfte Dr. Kuntschev wegen einer Coronavirusinfektion in die Selbstisolation und ward seitdem nicht mehr gesehen. Wo ist Dr. Kuntschev?, fragen sich immer mehr Bulgaren. Doch die Regierung schweigt zu seinem Verbleib, so wie auch der Großteil der Medien.

„Guten Tag, ich habe Ihnen mitzuteilen, dass Kuntschev soeben im Militärkrankenhaus gestorben ist. Dafür garantiere ich mit meinem Gesicht und Namen”, erklärte der querdenkende Künstler Hristo Gentschev aka Kosmos am 8. November 2021 in einem gerademal neunundzwanzig Sekunden langen Facebook-Video. Mit unverhohlener Genugtuung grüßte Bildhauer Kosmos die Geimpften und gab ihnen den Hinweis, Kuntschev habe seine dritte Dosis bekommen. Später strahlte der nationalistische Fernsehsender Alfa TV Gentschevs Video aus, die Kunde von Dr. Angel Kuntschevs mutmaßlichem Impftod ging damit viral.

„Wohin ist Angel Kunchev verschwunden? Viele Leute fragen…“, fragte am 12. November 2021 ein Journalist zu Bulgariens Ex-Regierungschef Boiko Borissov. „Er ist leider im Krankenhaus, an Covid erkrankt“, antwortete Borissov. Noch am selben Tag war auf Kuntschevs Facebook-Präsenz zu lesen: „Liebe Freunde, Kollegen und Nicht-Freunde! Es tut mir leid, Sie mit meiner Person zu behelligen. Aber die Lügen und Konspirationen sind ziemlich dreist geworden. Ich bin nicht im Krankenhaus, noch weniger bin ich intubiert. Auch besitze ich die Frechheit, nicht gestorben zu sein! Ich war in den letzten zwei Jahren nicht im Krankenhaus, hatte keinen Herzinfarkt und auch keinen Schlaganfall. Eine dritte Dosis habe ich nicht eingenommen (zu meinem Bedauern)! Dank der Impfung habe ich Covid relativ leicht überstanden, jetzt erhole ich mich zuhause.“  Zum Beleg für die Wahrheit seiner Worte sollte Kuntschevs Selfie mit einer aktuellen Ausgabe der Tageszeitung 24 Tschassa (Stunden) dienen.

„In meinem Alter – ich bin 63”, fuhr Kuntschevs Posting fort,  „mit den Diagnosen Bluthochdruck, Diabetes und Herzrhythmusstörungen würde mich sicherlich selbst ein mittelschweres Covid dahinraffen! Deshalb verdanke ich mein Leben der Impfung, daran besteht kein Zweifel. Hätte ich die dritte Nadel gehabt, wäre mir diese gefährliche Situation wahrscheinlich erspart geblieben. Aber nach vollständiger Genesung werde ich sie baldmöglichst nachholen.“ Dem Posting beigefügt war der Link zur Sendung von Alfa TV mit Hristo Gentschevs Video, „um zu zeigen, wie weit die hässliche, dreiste und verrückte Antivirus-Propaganda gehen kann! Genießen Sie die Manipulationen, die sie täglich produziert. Seien Sie nicht leichtgläubig, tun Sie das Beste für sich selbst – lassen Sie sich immunisieren!“

Noch am selben Tag publizierte der frühere Investigativ-Journalist des Wirtschaftsmagazins Kapital Rossen Bossev für AFP einen Faktencheck, der zum Ergebnis kam, die kursierenden Behauptungen zum Ableben Kuntschevs seien unwahr. Als Beleg dafür führte Bossev an, Kuntschev habe AFP am 12. November 2021 die Echtheit des von ihm auf Facebook geposteten Status in einer SMS bestätigt und dabei ausgesagt, er habe „diese Lügen und Manipulationen satt“.

Zwei Wochen später zitierte das Online-Medium dir.bg Angel Kuntschev mit der Aussage, er werde am kommenden Montag, den 29. November 2021, seine Tätigkeit als Staatlicher Gesundheitsinspektor wieder aufnehmen.  Meldungen, wonach er seines Postens enthoben sei, wies er als falsch zurück. Sie basierten auf einem publik gewordenen Dokument, das besagte, Bulgariens Gesundheitsministerium  habe am 17. November 2021 Dr. Kremena Parmakova zur Leiterin der Staatlichen Gesundheitsinspektion bestellt.

„An diesen Informationen ist nichts Wahres. Während meiner Zeit im Krankenhaus wurde meine Stellvertreterin erwähnt – Dr. Parmakova. Am Montag werde ich wieder arbeiten“, soll Kuntschev dir.bg gegenüber verlautbart haben. Diese Äußerung stand indes in Widerspruch zu seinem vermeintlichen Facebook-Posting zwei Wochen zuvor, wonach er nicht im Krankenhaus gewesen sei, sondern sich in häuslicher Umgebung von einer moderat verlaufenden Covid-Erkrankung kuriere.

Einige Medien, darunter Bulgariens traditionsreichste Tageszeitung Trud (Arbeit), griffen die Meldung von Angel Kuntschevs Rückkehr in die Staatliche Gesundheitsinspektion auf. Die meisten Medien ignorierten sie aber völlig. In Online-Foren äußerten viele Bürger ihre Erwartung, Dozent Kuntschev werde ihnen noch im Verlaufe des Montags via einer TV-Kamera Aufklärung geben über die Gefährlichkeit der neuen Virusmutante Omikron und die Dringlichkeit der Impfung gegen sie. Doch dies geschah nicht. Den großen Medien wie Trud war Kuntschevs andauernde Abstinenz entgegen seiner vorherigen Ankündigung seines Come-backs keine Rede wert, doch die Spekulationen über seinen Gesundheitszustand und möglichen Tod in den sozialen Medien wurde durch sie naturgemäß weiter angeheizt.

Die Wahrheit über alles

Dann zündete das boulevardeske Online-Medium Blitz.bg am Dienstagnachmittag die „Bombe: Hier wurde der für tot erklärte Assoz. Prof. Angel Kuntschev entdeckt. Nach überstandener Covid-Erkrankung ist er zum Leidwesen seiner Missgünstlinge lebendig und in Topform“, hieß es in einem mit zwei Fotos von Kuntschev bebilderten Artikel. Der Text basierte auf einem Facebook-Post des Photographen Milen Miluschev.

„Kuntschev lebt“, hieß es in Miluschevs Facebook-Post. „Ich habe ihn in der Saborna-Straße getroffen. Er war leicht gekleidet, sah typisch rötlich und gesund aus. Ich fragte: ´Herr Kuntschev, sind Sie es?` ´Ich bin´s`, erwiderte er. ´Das bedeutet, Sie leben. Aber der Bildhauer Hristo Gentschev hat sie für tot erklärt.` ´Nun, ich lebe. Wenn Sie das enttäuscht, bedaure ich das.` ´Darf ich Sie photographieren? ´Knipsen Sie, aber man wird Ihnen nicht glauben. Sie werden sagen, dass es ein altes Bild ist, ha, ha…`

Da der Journalist in mir nicht gestorben ist, knipse ich. Um viertel vor Zwei am 30. November in Sofia. Lebendig ist der im Militärkrankenhaus für tot erklärte Gesundheitsinspektor Doz. Angel Kuntschev. Ich habe ihn sogar angefasst – warm. Ich hätte ihn noch gerne zu Omikron und seinen Dienst befragt, aber da entdeckten ihn irgendwelche Bekannte… Die Wahrheit über alles.“

Es dauerte nicht lange, da fiel aufmerksamen Betrachtern der beiden Fotos von Kuntschev auf, dass der Inspektor auf ihnen jeweils unterschiedliche Jacken zu tragen schien, auf dem einen eine Lederjacke, auf dem anderen eine aus Stoff. Für viele Forenschreiber stellte dies nicht nur Kuntschevs Leibhaftigkeit stark in Frage, sondern auch Miluschevs professionelle Reputation als journalistischer Photograph.

Plötzlich hatte sich Milen Miluschev heftigen Angriffen zu erwehren. „Leute, werdet bitte nicht verrückt!“, bat er fast flehentlich in einem erneuten Facebook-Post, „einige von Euch haben mir heute Angst gemacht. Ich treffe mittags den Chefsanitärinspektor Prof. Angel Kunchev in Sofia in der Saborna Straße. Ich rede mit ihm. Ich erkläre ihm, dass der Bildhauer Hristo Gentschev ihn in der Militärmedizinischen Akademie für tot erklärt hat. Ich mache ein Foto von ihm im Gleichschritt mit dem Telefon. Auf einem Foto wird er vorn von der Sonne beleuchtet, auf dem anderen steht er im Schatten und sieht deshalb aus, als hätte er sich umgezogen. Ich habe diese Geschichte gepostet. Und nun sind einige Leute verrückt geworden – das stimmt nicht. Verschwörung. Der Betrug. Kuntschew ist tot. Er kann nicht leben. Die Impfstoffe haben ihn getötet… Ich verstehe, dass viele Leute wollen, dass Kuntschev stirbt. Aber er ist lebendig, zumindest bis zum 30. November 2021, 14 Uhr. Ich habe ihn gesehen. Ich habe mit ihm gesprochen. Ich habe ihn berührt. Kuntschew lebt. Ich habe keinen Grund zu lügen und zu verschwören.“

Noch am Abend desselben Tag veröffentlicht Reuters um 6:29 pm einen Faktencheck , der sich auf einen in der World Signals News am 21. November 2021 erschienenen Artikel bezieht. Der ist überschrieben mit der Frage, ob Bulgariens Staatlicher Gesundheitsinspektor nach der dritten Pfizer-Dose gestorben sei.

In ihm, so Reuters, werde ausgeführt, die seit längerem kursierenden Gerüchte von Kuntschevs Impftod hätten bereits den Erfolg der Impfkampagne beeinträchtigt. Sie sei zum Erliegen gekommen trotz Einführung eines Grünen Zertifikats, das nach dem 3G-Prinzip den Zugang zu öffentlichen Gebäuden wie Shopping Malls, Bars und Restaurants und Kultureinrichtungen reglementiert. „Deshalb“, so World Signals News, „hat die Regierung Angst, den Tod oder den Gesundheitszustand Kuntschevs zu erklären, denn dies wird die beste Reklame gegen die Impfung sein.“

Reuters berichtet nun, Kuntschev habe in einer Email an die Nachrichtenagentur erklärt, das einzig Richtige an diesen Behauptungen sei sein Name. Er habe keine Booster-Impfung erhalten, sondern sich lediglich mit dem Coronavirus infiziert und zeige milde COVID 19-Symptome, weshalb er vom 13. Oktober bis zum 26. November 2021 krankgeschrieben sei. „Jetzt ist alles o. k., ich bin im Büro und erwarte meine dritte Dose für etwas später in diesem Jahr“, zitiert Reuters Kuntschev.

Der Nachrichtenagentur zufolge hat auch eine Pressesprecherin des Gesundheitsministeriums erklärt, die Online-Blogs lägen falsch und Kuntschevs habe sich bereits über Facebook mit den Behauptungen auseinandergesetzt. Im Ergebnis seines Faktenchecks kommt das Thompson Reuters Fact Check-Team zu dem Verdikt, die Nachrichten vom Ableben Kuntschevs seien falsch, er habe sich lediglich im Krankenstand befunden, weil er positiv auf Corona getestet worden sei.

Doch warum geht Reuters in seinem am Abend des 30. November 2021 veröffentlichten Faktencheck mit keinem Wort auf die einige Stunden zuvor vom Photographen Miluschev publizierten Photos ein? Eine Anfrage an das Faktencheck-Team von Thompson Reuters nach seiner Einschätzung der Authentizität der Photos blieb unbeantwortet. Auch AFP reagierte nicht auf eine Anfrage nach ihrer Einschätzung der Photos, auf denen dem Anschein nach der Gesundheitsinspektor in zwei verschiedenen Jacken zu sehen ist.

All die zu konstatierenden Merkwürdigkeiten und Widersprüche können nicht hinreichend belegen, dass Bulgariens oberster Pandemiebekämpfer und Impfpropagandist wie behauptet der Boosterung zum Opfer gefallen ist. Das Schweigen der kompetenten Behörden und des Großteils der Medien ist aber nur dazu angetan, die Spekulationen über das Schicksal Dr. Angel Kuntschevs zu befeuern. Auch unterminiert es weiter das ohnehin geringe Vertrauen der Bulgaren in die Pandemiebekämpfung ihrer Regierung.

Sieben Wochen nach dem Verschwinden von Angel Kuntschev aus Bulgariens Öffentlichkeit ist sein Handy noch immer auf Empfang. Klingelt man es an, vernimmt man seine Stimme sagen: „Guten Tag, im Moment habe ich keine Möglichkeit zu sprechen. Wenn Sie eine Telefonnummer hinterlassen, werde ich sie bei nächster Gelegenheit zurückrufen. Vielen Dank.“

Nachtrag vom 6.12.: Knapp zwei Monate nach Beginn seiner Selbstisolation und gut drei Wochen, nachdem Gerüchte über seinen Tod in Umlauf kamen, ist Dr. Angel Kuntschev am Sonntag, 5. Dezember 2021 in der Talkshow 120 Minuten des privaten Fernsehsenders bTV erschienen. Warum er sich nicht zuvor bereits im Bewegtbild zeigte, um die Spekulationen über sein Ableben zu zerstreuen, dazu sagte er ebenso wenig Konkretes aus wie über die am Dienstag zuvor veröffentlichten Fotos, deren Authentizität höchst zweifelhaft ist, da sie ihn in zwei verschiedenen Jacken zeigen. Der Moderator der Sendung fragte ihn aber auch nicht danach.


		

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