Zurückgelassen im Taliban-Afghanistan

Gerne zeigen die Taliban, dass sie mit Geld und Lebensmitteln den Menschen bzw. den Frauen helfen.

Zahlreiche Ortskräfte, die mit der deutschen Bundeswehr zusammengearbeitet haben, verweilen weiterhin in Afghanistan und verstecken sich, während die Extremisten trotz Amnestieversprechungen einen Rachefeldzug ausführen.

In den letzten Monaten hat sich hat Hamid* deutlich verändert. Sein Bart ist gewachsen. Einige graue und weiße Stellen ragen heraus. „In den letzten Wochen ist mein Mann gealtert“, sagt Hamids Frau, Sediqa*, bedrückt. Hamid ist Ende Dreißig und war bis vor Kurzem für eine große Telekommunikationsfirma in Kabul tätig. Doch mittlerweile versteckt er sich und traut sich kaum auf die Straße.

Der Grund: In den letzten zehn Jahren kümmerte sich Hamid auch um die Datenleitungen der Bundeswehr und anderer NATO-Truppen. Seine Arbeit war für den westlichen Einsatz vor Ort fundamental. Ohne Hamid hätten etwa die deutschen Soldaten in Kabul mit ihren Kollegen in Mazar-e Sharif gar nicht kommunizieren können. Der zwanzigjährige Kriegseinsatz schuf eine gigantische Industrie, die nicht nur von Dolmetschern abhängig war, sondern auch von Technikern wie Hamid und allerlei anderen Berufsgruppen wie Fahrern oder Fluglotsen.

Doch während sich die ehemaligen Arbeitsgeber dieser Ortskräfte eher weniger für diesen Umstand interessierten, war dies bei jenen, die Jagd auf sie machten, nicht der Fall. „Ich kann seit Jahren mein Dorf im Südosten des Landes nicht mehr aufsuchen. Die Taliban sind dort seit langem präsent und wissen über meine einstige Tätigkeit Bescheid“, erzählt Hamid. Einer seiner Arbeitskollegen wurde im vergangenen Jahr in Kabul getötet. Hamid macht die Taliban für seine Ermordung verantwortlich – und befürchtet, bald dasselbe Schicksal zu teilen. Seit die Taliban in Kabul zurückgekehrt sind, erhält er Drohanrufe von einer anonymen Nummer. „Ich habe keine Ahnung, wer das ist und woher er meine Nummer hat, doch ich habe Angst. Er weiß nämlich bestens über mich Bescheid“, sagt Hamid.

Dass dieser Tag kommen wird, hat Hamid bereits vor Monaten geahnt. Doch bereits im Juni teilte ihm das Auswärtige Amt mit, dass man sich nicht um sein Anliegen kümmern könne. Der Grund: Er sei für eine externe Firma tätig gewesen, die wiederum für die NATO-Truppen arbeitete. Einen direkten Vertrag zwischen der Bundeswehr und Hamid gebe es nicht.

„Ich habe jeden Tag mit den NATO-Kräften und der Bundeswehr zusammengearbeitet, doch nun tut man so, als ob man mich gar nicht kennen würde“, so der Ex-Techniker. Hamids Verwandte, die in Deutschland leben, sind über die Bürokratie der Bundesregierung empört. „Die Soldaten haben regelmäßig mit Hamid zusammengearbeitet. Sie wandten sich fast ausschließlich an ihn und fuhren mit ihm teils quer durchs Land. Dass man ihn nun im Stich lässt, ist eine Schande“, sagt Naqib ur-Rahman, ein Schwager Hamids.

Vorhersehbares Szenario

Im vergangenen August zogen die internationalen Truppen aus Afghanistan ab und Kabul wurde abermals von den militant-islamistischen Taliban eingenommen. Zeitgleich strömten Tausende von Afghanen zum Flughafen der Hauptstadt, um evakuiert zu werden. Hamid war einer von ihnen, doch seine Versuche blieben erfolglos. Am Flughafengelände versuchte er, die Checkpoints von Taliban-Kämpfern, afghanischen CIA-Milizen und US-Soldaten zu passieren, während er gleichzeitig um sein Leben fürchtete.

„Es war chaotisch und gefährlich. Sie schossen nicht nur in die Luft, sondern auch in die Menschenmengen“, erinnert sich Hamid. Kurz vor dem verheerenden IS-Anschlag am Kabuler Flughafen, der fast 200 Afghanen und dreizehn US-Soldaten das Leben kostete, ging Hamid Nachhause, um sich vor den Taliban zu verstecken. „Allein dieses Blutbad hat mich erneut traumatisiert. Ich schlafe seitdem schlecht und habe Angst um meine Kinder“, sagt er heute.

Obwohl die Taliban seit ihrer Machtübernahme eine Generalamnestie für Mitglieder der afghanischen Armee und Polizei oder NATO-Mitarbeiter versprochen haben, ist den Worten der Extremisten kaum Glauben zu schenken. „Ich kann mich auf solche Versprechungen nicht verlassen. Was werden sie wohl machen, wenn der internationale Fokus weg ist? Und wer bedroht mich denn in diesen Tagen, wenn es nicht die Taliban sind?“, fragt sich Hamid.

Ein aktueller Bericht von Human Rights Watch macht deutlich, dass er und andere Betroffene mit ihren Sorgen richtig lagen. Seit der Rückkehr der Taliban wurden mehr als 100 Mitglieder der ehemaligen Sicherheitskräfte getötet oder sind verschwunden. Die Menschenrechtsorganisation schreibt von blutigen Vergeltungsmaßnahmen und unterstreicht die Systematik der Verbrechen trotz der versprochenen Amnestie. In einigen Fällen hätten lokale Taliban-Kommandeure etwa Listen mit Menschen zusammengestellt, die zum Ziel werden sollten.

In dem Bericht, der sich auf die Provinzen Helmand, Ghazni, Kandahar und Kunduz konzentrierte, kommen unter anderem Zeugen und Familienangehörige der Opfer zu Wort. Unter anderem ist von einem „breiten Muster von Missbräuchen“ die Rede. Währenddessen beharrt die Taliban-Regierung weiterhin auf die verkündete Generalamnestie. „Solche Listen gibt es nicht“, behauptete Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahed in den letzten Wochen und Monaten immer wieder. Stattdessen werden abtrünnige Taliban-Kämpfer, sogenannte „rogue elements“, für die Verbrechen verantwortlich gemacht.

„Es handelt sich hierbei um eine Ausrede, die nicht glaubwürdig erscheint. Es gibt keine Amnestie. Die Übergriffe und Missbräuche finden systematisch statt“, sagt der irische Afghanistan-Kenner Michael Semple. „Hoffentlich wird uns jetzt Glauben geschenkt. Ich hoffe, dass die deutschen Behörden endlich ihrer Verantwortung nachkommen und ich gemeinsam mit meiner Familie abreisen kann“, sagt Hamid.

*Name aus Sicherheitsgründen geändert

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