Angriff auf das Gehirn

Unter die Haut implantiertes oder gedrucktes Mikro-EEG. Bild: Brain Scientific

Corona-Pandemie legitimiert die Digitalisierung. Ein US-Start-up entwickelt als Gehirn-Computer-Schnittstelle ein unter die Schädelhaut eingedrucktes EEG, das die Tür für die Teleneurologie öffnen soll.

 

Wir gewöhnen uns daran, dass nicht nur unser Verhalten und unser Aufenthaltsort überwacht wird, mit Fitnesstrackern und anderen Geräten erfassen und speichern wir – und die Firmen – auch immer mehr Daten von unseren Körpern, die Einblicke in den Lebensstil, die Fitness und Krankheiten ermöglichen. Mit der Quantifizierung des Lebens werden wir zur Optimierung getrieben, die kommerziell ausgeschlachtet wird und zur Durchsetzung der Telemedizin dient, um Kosten zu sparen, aber auch eine schnelle Behandlung zu ermöglichen.

Das amerikanische Start-up Brain Scientific ist mit dem tragbaren EEG-Gerät NeuroCap mit 20 Elektroden in den Markt eingestiegen, die Daten können in Echtzeit noch nicht mit einer App, aber auf einem kleinen, in die Hosentasche passenden Gerät NeuroEEG abgelesen werden. Damit wird der permanente Lauschangriff auf das Gehirn möglich, alles natürlich nur, um präventiv Anzeichen einer Epilepsie, von Alzheimer, Parkinson und vielleicht auch von Depression oder überhaupt von „anormaler Aktivität“ zu erfassen.

Die NeuroCap ist allerdings deutlich zu sehen, wenn man keine Mütze aufsetzt, was die Nutzung behindern könnte. Zudem kann das EEG verrutschen. Daher entwickelt die Firma jetzt ein sogenanntes „e-tattoo“, bestehend aus haardünnen Elektroden, die mit einem 3D-Drucker am Schädel unter die Haut dauerhaft  angebracht werden. Das „e-tattoo“, das jetzt die Größe einer Briefmarke hat und den Haarwuchs nicht behindert, soll noch weiter verkleinert werden, um noch unsichtbarer zu werden. Die Daten werden in einem kleinen EEG erfasst, das hinter dem Ohr verborgen ist. Damit sollen andauernd und in Echtzeit Patienten überwacht oder neurologische Prozesse untersucht werden können, zudem könne es als Gehirn-Computer-Schnittstelle dienen.

Damit tritt die Firma in Konkurrenz zu Elon Musks Neuralink. Hier sollen winzige Elektroden in das Gehirn invasiv implantiert werden. Das soll auch medizinische Möglichkeiten der Behandlung von Erkrankungen des Gehirns erschließen, aber Musk will mit seiner Gehirn-Computer-Schnittstelle auch so verwegene Ziele wie die direkte neuronale Kommunikation zwischen Menschen oder die Optimierung der menschlichen Kognition realisieren, um mit den Kapazitäten der Künstlichen Intelligenz mithalten zu können. Es geht dabei auch darum, „Gedanken“ in Echtzeit lesen zu können, indem die neuronalenSignale entschlüsselt werden.

Primär sollen legitimatorisch zur Einführung die neurologischen Muster von epileptischen Anfällen untersucht werden, um vorherzusagen, wann ein Anfall geschehen wird, um diesen verhindern zu können. Überdies wird an der Entwicklung eines Graphen-Bandes gearbeitet, das zeitweise und abwaschbar auf dem Kopf angebracht werden kann, um die neuronalen Signale abzunehmen, aber das sei ungenauer.

Wichtig ist der Firma aber, dass die abgenommenen Gehirndaten auf eine „teleneurologisches Netzwerk“ übertragen und in einer Cloud als Datenbank gespeichert werden, die mit anderen neurologischen und klinischen Datenbanken verbunden werden. Ziel ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz, die aus den Daten Diagnosen ermöglichen soll, womit die Teleneurologie vorangetrieben werden kann. Das wiederum heißt, dass die Überwachung, Diagnose, Kontrolle und Behandlung aus der Ferne letztlich die Notwendigkeit von Arztbesuchen und Krankenhausaufenthalten, also auch die menschlichen Kontakte, minimieren soll.

 

Begründet wird das auch mit der Corona-Pandemie, die gezeigt habe, dass „Kliniker dringend den Kontakt mit Patienten minimieren müssen“, während Untersuchungen wie Brainscans oder EEGs durchgeführt werden müssen. Schließlich würden 80 Prozent der hospitalisierten Covid-19-Patienten neurologische Symptome haben. Wird die Pandemie zur Digitalisierung ausgebeutet, um neue Geschäftsfelder für neue Unternehmen zu erschließen? Geht es darum, noch mehr Daten von den Menschen abzuschöpfen, um ihn nicht nur gläsern zu machen, um Einnahmequellen zu erschließen, sondern auch kontrollieren und steuern zu können? Werden teleneurologische Schnittstellen, die eben auch Mensch-Mensch-Kontakte ersetzen oder durch Technik vermitteln, für Menschen wirklich eine bessere Behandlung und Vorsorge ermöglichen? Und es ist ein weiterer Schritt hin auf zwischenmenschliche Kontaktlosigkeit. Wollen wir das?

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