Die Frage, warum wir gähnen, hält Verhaltensforscher und Evolutionsbiologen wach

Bild: Martin Falbisoner/ CC BY-SA-4.0

Es scheint nicht ratsam, beim Rendezvous zu gähnen. Und doch könnte das der ultimative Match-Test sein.

Fragen wir zunächst, warum wir und alle anderen warmblütigen Tiere gähnen überhaupt gähnen. Die kurze Antwort: Man weiß es bis heute nicht. Lange Zeit ging man davon aus, es hätte mit Sauerstoffmangel zu tun. Lehrer vor gelangweilten Klassen pflegten zu sagen: „Ihr seid ja alle am Gähnen; macht mal die Fenster auf und lasst Sauerstoff rein.“

Mittlerweile kommen sie nicht mehr umhin, die Schuld bei ihrem Unterricht zu suchen, denn die Annahme, dass Sauerstoffmangel zum Gähnen brächte, wurde schon vor Jahren widerlegt. Forscher veränderten einfach den Sauerstoff- und/oder Kohlendioxydgehalt der Atemluft und zählten, wie oft ihre Probanden die Kiefer aufrissen: Es gab keinen Effekt. Und das hätte man sich eigentlich denken können. Denn wenn wir mehr Sauerstoff benötigen, etwa in großer Höhe, oder bei körperlicher Anstrengung, dann atmen wir schneller. Gähnen hingegen verlangsamt die Atmung.

Ein Blick ins Tierreich unterstützt diese Beobachtung. Delphine atmen bekanntlich nicht durch den Mund, und schon gar nicht unter Wasser. Trotzdem gähnen sie. Dasselbe gilt für menschliche Föten, die im Fruchtwasser schwimmend erkennbar gähnen.

Bestand im Angesicht der Forschung hat allerdings die andere Alltagserklärung: Gähnen hat mit Müdigkeit zu tun. Unsere Gähnfrequenz folgt dem Tagesgang der Wachheit, und wir gähnen mehr, wenn das EEG Schläfrigkeit anzeigt. So schön es ist, dass wenigstens in diesem Punkt das Allgemeinwissen stimmt – es sagt leider nichts über die Funktion des Gähnens.

Wozu ist es gut, zu gähnen, wenn man müde ist? Die naheliegende Annahme ist: um wacher zu werden. Viele Menschen gähnen ja auch vermehrt vor einer Anstrengung, zum Beispiel vor einem Auftritt; auch dies ist wissenschaftlich bestätigt. Vielleicht wecken wir uns auf diese Weise selbst? Das ist leider nicht der Fall. Dieselbe Studie zeigte, dass das EEG nach einem Gähnen tendenziell sogar eher größere Müdigkeit anzeigte, und zwar im Gegensatz zu einer Kontrollbewegung, die das Gehirn erkennbar wacher machte. Wer also im Meeting die Augen offenhalten will, sollte alles andere tun – nur nicht gähnen!

Bild: Daisuke Tashiro/CC BY-SA-2.0

Luftkühlung für den Denkmotor?

Damit ist die Frage nach dem Zweck des Gähnens wieder völlig offen. Gähnforscher zitieren gerne ihren Kollegen Provine, der schon 1986 schrieb: „Yawning may have the dubious distinction of being the least understood, common human behavior.” Fast jede und jeder tut es ständig, es ist so selbstverständlich wie Schwitzen und Pupsen, und in ähnlichem Maße ungehörig in der Öffentlichkeit, aber im Gegensatz zu diesen und vielen anderen Tätigkeiten ist es in seinem Zweck bis heute geheimnisvoll.

Unter den Gähnforschern haben sich daher Konfessionen gebildet, die je eine andere Erklärung favorisieren. Der Evolutionsverhaltensforscher Andrew Gallup ist überzeugt, dass das Gähnen durchaus eine physiologische Funktion hat, aber eine andere als gedacht.

Einen Ansatzpunkt bietet wiederum der vergleichende Blick ins Tierreich. Je größer das Gehirn einer Art ist, desto mehr gähnen diese Tiere auch. Das gilt sowohl für Säugetiere als auch für Vögel. Und es gilt sogar innerhalb einer Art, nämlich bei verschiedenen Hunderassen. Wer mehr gähnt, hat auch mehr Neuronen im Gehirn. Dies ist, nebenbei bemerkt, ein erster praktischer Nutzen des Gähnens beim Dating: Wer einen intelligenten Partner sucht, sollte häufiges Gähnen als positives Signal ansehen.

Warum sollte ein leistungsfähiges Gehirn mehr Mundaufreißen verlangen? Gallups Antwort: Aus demselben Grund, aus dem ein leistungsfähiger Motor einen breiten Kühler braucht: Weil es sich bei der Arbeit erhitzt. Beim Gähnen erhöht sich der Blutfluss im Gehirn, zudem wird das Blut in den Lungen und in der Mundhöhle gekühlt und kann daher Wärme aus dem Gehirn mitnehmen.

Die Idee wirkt ernüchtern prosaisch; sie erinnert an Hippokrates, der meinte, das Gehirn diene der Schleimproduktion, oder an die Behauptung, Wale hätten ihr großes Gehirn allein dazu, das Blut zu erwärmen, um dem Temperaturverlust im Wasser entgegenzuwirken. Letztere Vermutung würde zusammenpassen mit dem Gedanken, dass Gähnen kühlt: Wenn das Gehirn im Betrieb sich aufheizt, dann braucht es einen Kühlmechanismus.

Ein lustiges Experiment stützte die Hypothese: Während sie Videos von gähnenden Menschen betrachteten, um eine Gähnansteckung hervorzurufen, hielten sich die Versuchspersonen unterschiedliche warme Päckchen an die Stirn: 4°C, Raumtemperatur oder 46°C. Die beiden angewärmten Gruppen ließen sich gleichermaßen von den angeschauten Gähnern anstecken, die Gruppe mit dem gekühlten Kopf hingegen deutlich weniger.

Gallups Arbeitsgruppe zeigte auch, dass Menschen im Winter draußen weniger gähnen als im Sommer. Und dass bei Ratten und Wellensittichen die Kopftemperatur vor dem Gähnen erhöht ist und danach deutlich absinkt. Allerdings macht Wärme auch einfach schläfrig, und Schläfrigkeit lässt gähnen – was eine sparsamere Erklärung des Zusammentreffens bietet. Überdies hat die Arbeitsgruppe selbst gezeigt, dass Leute weniger gähnen, wenn sie durch die Nase atmen – mutmaßlich, weil die Nasenhöhlen so schön kühlen. Dann aber ist unklar, weshalb Gähnen zwingend durch den Mund erfolgen muss, und die Atmung, wie bereits gesagt, reduziert.

Wachablösung

Daher sieht die wichtigste Konkurrenztheorie das Gähnen vor allem als soziales Signal. Denn es ist bekanntlich so hochansteckend wie ein gut evolviertes Virus. Und das nicht nur, wenn man es sieht, sondern auch, wenn man es hört und sogar, wenn man daran denkt oder davon liest. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bringt dieser Artikel Sie, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, die ganze Zeit zum Gähnen. Und das sähe ich durchaus als Kompliment.

Ansteckend ist Gähnen nur bei einigen sozialen Arten. Dass Gähnen auch über Artgrenzen hinweg ansteckt, ist bislang nur zwischen Menschen und Schimpansen, Hunden und zuletzt Elefanten beobachtet worden. Dass beim Gähnen Gehirngebiete tätig werden, die mit der Imitation von Bewegungen zu tun haben, ist zunächst einmal trivial. Gerade Gebiete, die mit sozialer Kommunikation zu tun haben, werden aber durch das Gähnen noch stärker aktiviert als durch andere Bewegungen des Gesichts.

Gut möglich also, dass die Funktion des Gähnens, dieser motorisch aufwendigen Veranstaltung mit weit aufgerissenem Mund, gar nicht nach innen gerichtet ist, sondern nach außen. Vielleicht dient es der Machtdemonstration, denn höherrangige Tiere sind überwiegend Vor-Gähner und bringen ihre Untergebenen zum Mitgähnen.

Einen anderen, originellen Vorschlag machte kürzlich wiederum Andrew Gallup (sozusagen über Konfessionsgrenzen hinweg): Jemand anderen gähnen zu sehen bedeutet, dass er müde wird. Müde Leute sind schlechte Wächter. Andere Mitglieder der Gruppe sollten das Gähnen folglich als Signal nehmen, dass sie fortan selbst besser aufpassen sollten. Und tatsächlich: Im Versuch entdeckten Versuchspersonen Schlangen sicherer und ließen sich weniger leicht ablenken, wenn sie gerade jemanden hatten gähnen sehen. Gähnen macht demnach nicht den Gähner selbst wach, wie einstmals vermutet, sondern den Beobachter. Ob es wohl etwas bringt, vor dem Spiegel zu gähnen?

Bild: zoofanatic/CC BY-2.0

Gute Menschen gähnen

Die reine Lehre der Theorie vom sozialen Gähnen aber sieht es als empathisches Signal zur Bindungsstärkung. Denn wir nehmen es ja nicht nur wahr als Warnsignal. Sondern wir imitieren es. Und dies nicht zufällig: Gähnen ist umso ansteckender, je größer die emotionale Nähe zwischen Gähner und Zuschauer. Das wurde nicht nur bei Menschen beobachtet, sondern auch bei Schweinen. Allerdings nicht bei Hunden. Das ist der zweite Grund, beim Rendezvous herzhaft zu gähnen: Wenn er oder sie mitgähnt, will er oder sie vielleicht nicht schlafen, durchaus aber ins Bett.

Wer mitgähnt, zeigt Empathie: Menschen lassen sich umso leichter anstecken, je mitfühlender sie sind. Daher gähnen schwangere Frauen eher mit als gleichaltrige kinderlose Frauen. Und während sowohl Autisten als auch Psychopathen sich nicht leicht durch Gähnen anstecken lassen, liegt das bei den Autisten mitnichten an mangelnder Empathie (Die Mär vom empathielosen Autisten), sondern daran, dass sie weniger auf Gesichter achten. Sehen sie jemanden, der sich kratzt – denn auch das ist ansteckend –, dann juckt es sie auch – und sogar mehr als neurotypische Menschen. Psychopathen hingegen juckt das alles nicht.

Eine bemerkenswerte Selbstauskunft illustriert diesen Zusammenhang drastisch. Im Kommentarbereich zum weiter oben bereits verlinkten Artikel über das Gähnen (illustriert übrigens mit großartigen Bildern – schon mal ein gähnendes Meerschweinchen gesehen?) erzählt ein Will T., er habe vor nunmehr 28 Jahren ein Hirnaneurysma überlebt, aber nur dank einer Operation, die seine Persönlichkeit tiefgreifend verändert habe. Seither sei er antisozial und unausstehlich, habe alle Freunde verloren und die Familie vergrault. Damit einhergehend träume er seitdem nicht mehr, und – er habe seither nie wieder gegähnt.

Wenn diese Schilderung wahr ist, dann würde ich einerseits gerne einmal eine gründliche Fallstudie von dem Mann lesen. Und andererseits führt sie die unerwartete Verbindung vom Gähnen zur Empathie zum Extrem.

Einige Theoretiker betrachten daher neben Gähnen auch andere Fälle von emotionaler Ansteckung, bei welchen der Betrachter unwillkürlich mit seinem Objekt mitfühlt. Das geschieht beispielsweise auch bei dem bereits erwähnten Jucken, beim Schmerz, beim Lachen. Diese Fähigkeit ergibt evolutionär Sinn, erlaubt sie doch, den inneren Zustand Anderer aus dem eigenen Erleben zu erschließen. Allerdings muss die innere Simulation dabei idealerweise in ihrer Ausführung gehemmt werden, damit der Beobachter nicht gleichsam fremdgesteuert das Verhalten des Beobachteten imitiert. Weil aber diese Hemmung erstens sehr spezifisch sein müsste – nur ganz verschiedene, intern simulierte Handlungen treffen dürfte, aber nicht eigene -, und zweitens die Genauigkeit der Simulation unweigerlich verringert, deshalb entsteht das Phänomen der emotionalen Ansteckung beim Gähnen, Jucken, Lachen, Weinen quasi als Nebenprodukt der Herausbildung von Empathie.

Aber der Gepard?

Dass ausgerechnet das Gähnen, welches in Gesellschaft als unhöflich gilt und hinter der Hand verborgen wird, in erster Linie eine soziale Funktion haben soll, ist ein faszinierender Gedanke. Doch bei der Fokussierung auf Menschen und andere soziale Arten geraten vielleicht all die anderen zu sehr aus dem Blickfeld. Schon, dass auch Menschen oft gähnen, wenn sie allein sind, scheint der Theorie zu widersprechen, aber das lässt sich noch damit wegbügeln, dass hier bloß das negative Feedback fehle. Wie aber ist es mit all den Arten, die nicht in Gruppen leben, bei denen das Gähnen nicht ansteckend ist? Warum gähnt der Gepard?

So scheint es, dass ausgerechnet das Gähnen, dieses Signal der Langeweile, bis auf Weiteres ein ungeklärtes Geheimnis bleibt. Das macht es immerhin zu einem guten Gesprächsthema beim Rendezvous.

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