Fördern Lockdowns das Wohlbefinden?

Bild: Hadi/CC BY-SA-4.0

Der erste Lockdown 2020 hat den Briten nach einer Studie auch die positiven Seiten des vermehrten Alleinseins eröffnet, aber das Ergebnis dürfte nicht für den Rest des Jahres gelten.

Meist wird gesagt, die Lockdowns, die die Gesellschaft heruntergefahren und die Menschen zum Abstand von anderen Menschen und Rückzug in ihre Wohnungen gezwungen haben, hätten zahlreiche negative Folgen gehabt: Einsamkeit, Stress, Angst, Depression, Gewalt  …

In den USA zeigte sich das etwa daran, dass nach einer in Scientific Reports veröffentlichten Studie von März 2020 bis März 2021 die Gewalt mit Schusswaffen, bei der es Verletzte oder Tote gab, um 30 Prozent im Vergleich zum selben Zeitraum ein Jahr zuvor zugenommen hat, in Minnesota, Michigan und New York hat sie sich sogar verdoppelt. 23 Millionen Schusswaffen wurden gekauft, 64 Prozent mehr als 2019, im Untersuchungszeitraum sollen es geschätzte 42 Prozent mehr gewesen sein. Höhepunkt der Schusswaffengewalt war der August 2020, bis Februar gab es einen Rückgang, um dann wieder anzusteigen. Es könnte sein, dass allein das Vorhandensein von mehr Schusswaffen dazu führte, dass auch mehr geschossen wurde. Die Wissenschaftler vermuten, der Anstieg von Despressionen könne auch zu mehr Gewalt und Selbstmorden geführt haben. Allerdings scheint sich die Zahl der Selbstmorde mit Schusswaffen nicht erhöht zu haben. 2020 wurden in den USA fast 20.000 Menschen erschossen, 25 Prozent mehr als 2019.

Es wurde allerdings auch immer beobachtet, dass es vielen Menschen während der Pandemie ganz gut gegangen war. Man kam zur Ruhe, stand weniger unter Stress und hatte mehr Zeit, konnte Zuhause arbeiten, beschäftigte sich mehr mit selbst, richtete sich in der eigenen Wohnung ein, achtete mehr auf die Gesundheit, ging viel spazieren. Das bestätigt nun auch eine Studie, die in Frontiers of Psychology erschienen ist. Gerade die Zeit, in denen die Menschen alleine waren, führten angeblich zu einem besseren Wohlbefinden unabhängig vom Alter.

 

Die britischen Psychologinnen unterscheiden zwischen Einsamkeit/Isolation und Alleinesein. Bei letzterem hätten wissenschaftliche Untersuchungen der letzten Zeit zunehmend positive Folgen festgestellt. Für ihre Studie ließen sie über 2000 13-86-jährige Briten über die positiven und negativen Erfahrungen des durch den ersten Lockdown in Großbritannien bedingten Alleinseins schreiben. Das verzerrt natürlich die Erfahrungen während der Pandemie, denn durch die wiederholten Lockdowns oder anderen Corona-Maßnahmen verstärkten sich wohl für die meisten die negativen Folgen, während es zu Beginn ganz erfreulich sein konnte, mal einen Rückzug vom Stress des Alltagslebens und den Zwängen und eigenen Erwartungen verordnet zu bekommen. Vielleicht ein bisschen so, wie ein Rückzug ins Kloster, um sich zu erholen, zu entspannen oder sich auf das eigene Wohlbefinden zu konzentrieren. Die ersten Lockdowns fielen in den Frühling, es wurde schöner und wärmer, man konnte sich viel draußen aufhalten – und erwartete auch, dass es bald vorbei sein würde.

Die Auswertung der selbstbeschriebenen Befindlichkeiten habe jedenfalls ergeben, dass die positiven Erfahrungen die negativen überwogen. Alleinesein habe Gefühle der Kompetenz und der Autonomie verstärkt, da man mehr Zeit damit verbrachte, neue Fähigkeiten aufzubauen und Aktivitäten nachzugehen. Dabei erfahren die Erwachsenen stärker die positiven Gefühle der Autonomie, des Selbstbezugs und des Selbstvertrauens. Arbeitende Erwachsene berichteten allerdings am meisten negativen Erfahrungen, weil die plötzliche Umschaltung vom Büro ins Homeoffice den Stress erhöht hat,  während  Jugendliche am meisten Gefühle der Entfremdung schilderten.

„Wir haben die Studie im Sommer 2020 durchgeführt, also zeitgleich mit dem Ende des ersten nationalen Lockdowns in Großbritannien“,  sagt Netta Weinstein, eine der Psychologinnen. „Wir wissen, dass viele Menschen in dieser Zeit wieder Hobbys und Interessen nachgingen oder die Natur bei Spaziergängen und Radtouren zunehmend zu schätzen wussten. Diese Elemente dessen, was wir als ’selbstbestimmte Motivation‘ bezeichnen, bei der wir uns dafür entscheiden, Zeit allein für uns selbst zu verbringen, sind offenbar ein entscheidender Aspekt des positiven Wohlbefindens.“

Die Autorinnen der Studie haben allerdings nur die Stimmung in einem Zeitfenster untersucht. Der erste Lockdown im Frühjahr schickte die Menschen gewissermaßen in einen Heimurlaub vom gewöhnlichen Alltag. Die Erwartung war, bald wieder zurückzukehren, aber als dann vor allem nach dem Ende des Sommers die Lockdowns weitergingen und von einer „neuen Normalität“ gesprochen wurde, dürfte das positive Ausleben des Alleinseins für viele – und vor allem für die Jüngeren – dem Zwang gewichen zu sein, nicht sein normales Leben weiterführen zu können, wobei das Alleinsein in Einsamkeit umschlägt. Das zeigte sich in den USA auch bei der Waffengewalt, die im Sommer 2020 einen Höhepunkt erreichte, als klar geworden war, dass die Pandemie weitergeht und weitere Wellen zu erwarten waren.

Was sagt uns jetzt diese Studie, die ja auch darauf angelegt war, die positiven Züge des Alleinseins hervorzuheben? Werden die Menschen durch die Unterbrechung des Alltags in Form von Lockdowns, die von außen verordnet werden, glücklicher? Haben wir das Alleinsein als Wohlfühlzeit entdeckt? Vorübergehend haben das wahrscheinlich manche, abgefallen war ja auch der Anpassungsdruck durch die Mitmenschen.

Aber mit der Zeit wird es vielen eben mit sich selbst langweilig, was die selbstbestimmte Motivation entsprechend absenkt, weil Gemeinsamkeit, Kooperation und Konkurrenz fehlen. Und wenn dann auch noch finanzielle Probleme hinzukommen oder man in die Arbeitslosigkeit gerutscht ist, wird Alleinsein auch nicht motivierend sein. Letztlich hat man den Eindruck, dass der verordnete Rückzug durch die verkürzte Perspektive – oder die Langsamkeit der Wissenschaft – verherrlicht oder schön geredet wird. Zudem wurde die Einsamkeit durch vermehrte virtuelle Kontakte überbrückt, die nach einer gewissen Zeit auch Gefühle der Einsamkeit verstärken, weil etwas, der körperliche Kontakt im wirklichen Raum, fehlt.

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