US-Geheimdienstbericht über den Corona-Ursprung erstaunlich zurückhaltend

Bild: Syaibatulhamdi /Pixabay.com

Es wird manchen in Washington nicht gefallen, dass die Lab-Leak-Theorie als unwahrscheinlich, die genetische Manipulation oder die Erzeugung als Biowaffe abgewiesen und gesagt wird, die chinesischen Behörden hätten kein Vorwissen gehabt.

 

Die politisch hochgefahrene Frage, ob das Coronavirus aus einem chinesischen Labor entwichen ist (lab leak) oder von einem Tier (Zoonose) übertragen wurde, geht weiter. Vor 90 Tagen hatte US-Präsident Joe Biden, der China wie schon zuvor Obama und Trump als Hauptgegner der USA sieht, die Geheimdienste beauftragt, einen Bericht anzufertigen, der „uns näher zu einer definitiven Lösung bringt“. Aber die Geheimdienste haben das erwartete Ergebnis in dem geheimen Bericht, der Biden am Dienstag übergeben wurde, nicht geliefert.

Der Washington Post hatten bereits Geheimdienstmitarbeiter einiges über den Inhalt erzählt. Geheimdienste nutzen gerne Medien, um Informationen zu streuen. Offenbar waren sich die Geheimdienste nicht einig geworden, wie die ihnen vorliegenden Informationen zu deuten sind. Letztlich blieb es bei den zwei schon vorher thematisierten Lösungen. Dutzende von Mitarbeitern sollen die verfügbaren Informationen geprüft haben, fraglich ist, ob Geheimdienstmitarbeiter geeignet sind, biologische und virologische Sachverhalte aufzuklären.

Keine Biowaffe, nicht genetisch manipuliert

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Jetzt wurde eine Kurzfassung des Geheimdienstberichts veröffentlicht. Danach sollen in kleinem Rahmen Menschen bis spätestens November2019  infiziert worden sein, das erste Cluster war dann im Dezember in Wuhan aufgetreten. Ausgeschlossen wird, dass Sars-CoV-2 als Biowaffe erzeugt wurde, wahrscheinlich sei es auch nicht genetisch manipuliert worden. Nur zwei Geheimdienste sagen, es gäbe nicht genügend Daten, um das beurteilen zu können.

Vier Geheimdienste und der Nationale Geheimdienstrat gehen davon aus, allerdings mit niedrigem Vertrauen, was immer das bedeuten soll, dass Vrus höchstwahrscheinlich von einem Tier übergesprungen ist. Dafür spreche das mangelnde Vorwissen der chinesischen Behörden. Ein Geheimdienst sieht mit mäßigem Vertrauen ein Entkommen aus dem Wuhan-Labor als wahrscheinlich an. Verwiesen wird auf das Risiko im Umgang mit Coronaviren. Drei Geheimdienste können sich aufgrund zu weniger Informationen nicht zwischen beiden Theorien entscheiden. Sollte es keine neuen Informationen geben, sehen sich die Geheimdienste nicht in der Lage, eine definitive Erklärung belegen zu können. Es fehlen vor allem Daten über die ersten Infektionsfälle. Letztlich heißt es, die chinesischen Behörden hätten vor dem Ausbruch in Wuhan keine Vorkenntnisse über das Virus gehabt.

Biden schürt Verdacht weiter

Die Geheimdienste heizen also in der Mehrheit den Konflikt mit China nicht weiter an und bleiben vorsichtig in der Einschätzung. Um eine abschließende Beurteilung des Ursprungs zu erreichen, müsse China kooperieren. Dann kommt doch noch die Kritik: Peking behindert weiter die globale Untersuchung, verweigert das Teilen von Informationen und beschuldigt andere Staaten, darunter auch die USA. Diese Aktionen spiegeln teilweise die eigene Unsicherheit der chinesischen Regierung darüber, wohin eine Untersuchung führen könnte, aber auch ihre Frustration, dass die internationale Gemeinschaft das Thema nutzt, um politischen Druck auf China auszuüben.“ Insgesamt also eine nüchterne Beurteilung, die Unterstellungen vermeidet, was manchen China-Gegner in Washington nicht gefallen dürfte.

Joe Biden nutzt den Bericht, um China ans Schienbein zu fahren. Man werde nicht aufhören, nach den Ursprüngen des Virus zu suchen, womit er natürlich suggeriert, dass sie in China liegen. China verhindere eine transparente Aufklärung: „Es existieren kritische Informationen über die Ursprünge dieser Pandemie in der Volksrepublik China, doch seit dem Beginn haben Regierungsmitarbeiter dafür gesorgt zu verhindern, dass internationale Wissenschaftler und Mitglieder der globalen medizinischen Gemeinschaft Zugang erhalten.“ Da wird also am Verdacht festgehalten, obwohl der Geheimdienstbericht erklärte, dass chinesischen Behörden kein Vorwissen hatten. Wie die Geheimdienste richtig konstatierten, wird so von Biden weiter versucht, politischen Druck auszuüben.

Chinesen wollen den Spieß umdrehen

Die erste WHO-Untersuchung war zu dem Schluss bekommen, dass das Entkommen aus einem Labor unwahrscheinlich sei. Nachdem Kritik an dem Bericht aufgekommen sei, wollte die WHO ein zweites Team schicken. China sperrt sich dagegen und versucht den Spieß umzudrehen. Das Virus sei schon von Wuhan auch in Europa und den USA unterwegs geworden, möglicherweise sei es ein Produkt der Biowaffenforschung in Fort Detrick, wo es bereits zu Sicherheitsproblemen gekommen sei.

Der chinesische UN-Botschafter hat kürzlich einen Brief an den WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus geschrieben, in dem gefordert wurde, „eine transparente Untersuchung mit vollem Zugang zu den Laboratorien von Fort Detrick und die University of North Carolina“ auszuführen. Eine solche transparente Untersuchung des Hochsicherheitslabors in Wuhan, dessen Coronavirus-Forschung auch von den USA gefördert wurde.  wird von China verlangt und verweigert. Wenn man schon die unwahrscheinliche Lab-Leak-Hypothese verfolge, müsse man auch Fort Detrick und das UNC-Labor einschließen. Letzteres war unter dem Laborleiter Ralph Baric auch an der Erforschung von Coronaviren beteiligt, hat in den USA Coronaviren genverändert und ist bekannt wegen Sicherheitsmängel.

Chinas Position ist widersprüchlich, im eigenen Land wird die Lab-Leak-Hypothese zurückgewiesen – „es gibt keinen in einem chinesischen Labor produzierten Virus“ -, aber die WHO aufgefordert, sie in den USA zu prüfen. Dort macht man das Spiel andersherum.

Internationales WHO-Team fordert auch Untersuchungen außerhalb von China

Wissenschaftler sind geteilter Meinung, gehen aber meist von einer Zoonose aus. Eine Gruppe von Wissenschaftlern, die an der WHO-Untersuchung teilgenommen haben, schreibt in einem Bericht in Nature, die Suche nach dem Ursprung der Pandemie habe die Prüfung der Lab-Leak-Hypothese zunächst  nicht umfasst. Man habe sie dann aber zu wichtig gefunden, sie mit den chinesischen Wissenschaftlern diskutiert und in den Abschlussbericht aufgenommen. Man habe drei Labors in Wuhan und die Gesundheitsbehörde der Provinz Hubei überprüft, die mit Coronaviren zu tun hatten. Aber man habe keine Rohdaten erhalten, etwa von den 174 Fällen aus dem Dezember 2019.

Für keine der vier Theorien habe es ausreichend Beweise gegeben: die direkte Zoonose über Wildtiere, eine zoonotische Infektion durch den Umgang mit landwirtschaftlich gehaltenen Tieren, eine Infektion durch den Verzehr von infizierten Tieren oder durch ein Auskommen aus einem Labor, in dem mit tierischen Viren gearbeitet wird. Der Bericht sei aber nicht als Abschluss, sondern als Vorbereitung mit Empfehlungen für weitere Untersuchungen gedacht gewesen.

Der Bericht war unter Kritik geraten. Die Wissenschaftler sagen, die Chinesen hätten ihnen viele weitere Daten gegeben. Sie hätten die Lab-Leak-Theorie untersucht und mit den chinesischen Partnern erörtert, aber keine Beweise gefunden, daran festzuhalten.  Sowohl das internationale Team als auch die chinesischen Wissenschaftler haben Empfehlungen für WHO-Folgeuntersuchungen gegeben. So müssten alle frühen Covid-19-Fälle in und außerhalb von China verfolgt und  standardisierte Antikörperstudien in den Regionen in und außerhalb Chinas durchgeführt werden, wo es frühe Vorfälle gegeben hat. Mögliche Wirtstiere müssten überprüft und Lieferwege von Wildtieren nach Wuhan vor den ersten menschlichen Infektionen untersucht werden.

Die Wissenschaftler betonen, dass es auch bei den chinesischen Wissenschaftlern die Bereitschaft gebe, die WHO-Untersuchung fortzusetzen. Eine Bedingung könnte sein, auch Regionen außerhalb von China einzubeziehen, wie dies die Empfehlungen des internationalen WHO-Teams deutlich machen. Gewarnt wird aber davor, dass die Rückverfolgung von Wildtieren oder die vorgeschlagenen Antikörperstudien von Menschen vor Dezember 2019 bald nicht mehr möglich seien. Die WHO-Mitgliedsstaaten müssten schnell Details über das sensible Thema der Untersuchung von Praktiken der Laboratorien vereinbaren, was auch amerikanische einschließen könnte, und Team-Mitglieder auswählen, die einen Plan entwickeln. Man darf annehmen, dass dies politisch sowohl von China als auch von den USA nicht erwünscht ist.

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