Zahl der Woche: 229

Weltweit veröffentlichen 229 medizinische Fachzeitschriften gleichzeitig einen Aufruf an die Politik, endlich geeignete Maßnahmen gegen den drohenden Kollaps des Klimas und der natürlichen Systeme zu ergreifen.

Zur UN-Generalversammlung und mit Blick auf die Klimakonferenz COP26 in Glasgow schließen sich die Herausgeber von 229 Fachjournalen für Medizin und Gesundheit zusammen und richten an die politisch Verantwortlichen der Erde einen dringlichen Appell, den „Call for emergency action to limit global temperature increases, restore biodiversity, and protect health“. Emergency: Dieser Notfall ist eingetreten, weil Handlungsbevollmächtigte sinnvolles Handeln lange als überflüssig erachtet und dann immer wieder aufgeschoben haben. Dies hat unter anderem dazu geführt, dass im Naturschutz – ohnehin das Stiefkind der Nachhaltigkeit – jedes einzelne Ziel, den Verlust an Biodiversität bis 2020 zu stoppen, verfehlt wurde. Die Top-Probleme unserer Tage, Klimawandel und biologischer Zusammenbruch, sind nach Urteil der medizinischen Zeitschriften kein Spezialistenthema, um Ökolog/innen zu beschäftigen, sondern die größte gesundheitliche Bedrohung für den Menschen. Sie verweisen noch einmal auf eine Studie von letztem Jahr, wonach allein in Deutschland die Hitzewelle von 2018 etwa 20.200 Tote unter den über 65-Jährigen gefordert hatte. Stetig steigende Temperaturen begünstigen zahllose Gesundheitsbelastungen, angefangen mit Komplikationen in der Schwangerschaft über die Ausbreitung von Tropenkrankheiten und bei Nierenversagen noch lange nicht endend.

Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation WHO zieht den Vergleich zu Covid-19: Die Pandemie wird vorübergehen, doch wir haben „keinen Impfstoff gegen die Klimakrise“. Ein treffendes Bild, denn anders, als sich mittels einer Impfung gegen Erreger zu schützen, kann sich der Mensch gegen Wärme eben nicht schützen. Er kann nur versuchen ihr zu entgehen. Die rapide an Absatz zulegenden Klimaanlagen oder Kühlaggregate helfen da übrigens nicht, denn sie können Wärme lediglich von einem Raum in einen anderen – z.B. die Stadtlandschaft – pumpen und erzeugen dabei, wie jede (!) Maschine, immer noch mehr Wärme. Wer das als widersinnig empfindet, mag sich ein wenig in die Grundlagen der Thermodynamik einlesen, die allerdings auch von Quer- und anderen Nichtdenkern bestritten wird.

Doch weiter im Text: Der Verlust an biologischer Vielfalt und das Zusammenbrechen der Ökosysteme, so die Gesundheitsexpert/innen, gelten als größte Treiber einer alljährlich nachlassenden Bodenfruchtbarkeit sowie schrumpfender landwirtschaftlicher Erträge, seit 1981 sind sie um bis zu 5,6 % zurückgegangen, und Unterernährung ist bekanntlich wenig hilfreich bei der Krankheitsabwehr.

In Summe resultiert „die größte Bedrohung öffentlicher Gesundheit aus dem fortgesetzten Versagen der Führungen der Welt, die globale Erwärmung unter 1,5 °C zu halten und die Natur zu regenerieren“. Wollen „die Regierungen und andere Verantwortliche […] das Jahr 2021 als dasjenige markieren, in dem die Welt endlich ihren Kurs ändert“, müssen sie „fundamentale Änderungen daran vornehmen, wie unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft organisiert sind und wie wir leben“. Die „gegenwärtige Strategie, die Märkte nur zu ermuntern, dreckige Technologien durch sauberere zu ersetzen, genügt nicht“, kommentiert der Aufruf klarsichtig das Herumdrücken um substantielle Eingriffe.

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Klimawandel ist die größte globale Gesundheitsbedrohung des 21. Jahrhunderts‘ titelte die Ärztezeitung … im Dezember 2009. Da war das Jahrhundert noch jung. Bemerkenswert am Aufruf des September 2021 ist, in welches Umfeld er inzwischen gebettet ist: Die engagierten Mediziner/innen, hierzulande prominent vertreten durch Eckart von Hirschhausen, stehen zusammen mit Vertreter/innen aus Ökonomie wie Maja Göpel, Meteorologie wie Sven Plöger, Philosophie wie Richard David Precht, Physik wie Harald Lesch und Chemie wie Mai Thi Nguyen-Kim. Werden sie es gemeinsam schaffen, die angemaßte alleinige Deutungshoheit neoliberaler Marktgläubiger zu brechen? Wen werden wir unterstützen?

 


Das gemeinsame Editorial der medizinischen Fachjournale lesen Sie im Wortlaut unter www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(21)01915-2/fulltext

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