Zahl der Woche: 500

Rund um die Kölner Brücken liegen über 500 E-Scooter im Rhein.

Darf ein Mann, der sich um den Klimawandel so verdient gemacht hat, dereinst dem Vergessen anheimfallen? „Nimmer!“ dachten sich Kölner Aktivist*innen und setzten unserem Verkehrsminister Andi Scheuer am Grunde des Rheins ein imposantes Unterwasserdenkmal. Aus hunderten von E-Scootern. Dort hätte es fürderhin unsichtbar, schon und quasi „in stillem Gedenken“ – feinste Ironie auf der Metaebene! Ist das schon Kunst? – den Vater der Schnapsidee ehren und das Trinkwasser der Anwohner*innen vergiften können. Wären nicht Froschmänner mit Beschwerden auffällig geworden, die Roller würden regelmäßig ihre Arbeiten an und um die Rheinbrücken behindern. Die Erstreaktion der Rolleranbieter, geradezu klassisch: ableugnen, abtauchen (pun intended), abwinken. Letzteres vor allem bei den Kosten für die Bergung. Einen zitiert das Bergungsunternehmen sinngemäß, es „lohne nicht, die Scooter aus dem Rhein zu holen. Die sollen bleiben, wo sie sind.“ Man könnte daraus schließen, dass diese Taucher einfach zu teuer sind. Oder man könnte daraus schließen, dass Ressourcen einfach zu billig sind. Und die Stadtverwaltung Köln? Wusste freilich von nichts. Erst als Taucher und Journalisten hartnäckig weiter im toxischen Kleb rührten, der aus den Scooter-Akkus austritt, verfiel man allenthalben in heftiges Geflatter: Die Stadtverwaltung schreckt aus der Mittagspause auf: Man habe ja nicht ahnen können, und überhaupt selbst erst aus den Medien erfahren … die ja erst seit Jahren über das grundsätzliche Problem berichten. Da hat der EXPRESS in der Kantine also doch etwas bewirkt. Auch ein Amtsnachhilfeersuchen bei den Kolleg*innen in Marseille wäre drin gewesen, die sich schon 2019 mit hunderten von E-Rollern im Hafenbecken rumärgern durften. Die Rollerverleiher arbeiten nun „unter Hochdruck“ (Zitat: Lime) an Lösungen. Anbieter TIER fällt zum Beispiel ein, man wolle „Fahrzeuge, die in Ufernähe liegen, […] in Eigenregie aus dem Wasser ziehen“. Warum haben sie das nicht schon längst gemacht? Jedenfalls, resümiert der Sprecher des Interessenverbands Plattform Shared Mobility (PSM) Christoph Egels, werde man „den Beitrag unserer Fahrzeuge zur Verkehrswende und zu mehr Umweltschutz nicht durch den Vandalismus einiger weniger Chaoten Schaden nehmen lassen.“

Das UBA, das ja auch dauernervt, weil es nicht mit Phantasien, sondern Zahlen arbeitet, stellt im Dezember 2020 fest: „Roller mit E-Motor sind ein Hype, der kaum etwas zum Umwelt- und Klimaschutz beiträgt.“ Im Vergleich zum Fahrrad seien sie die „deutlich umweltschädlichere“ Variante. Die Roller hätten „durchaus das Potenzial, Mobilität nachhaltiger zu machen: wenn sie Autofahrten ersetzen“. Was sie aber so gut wie nie tun. In einer Erhebung nach über 1 Jahr Praxis gaben ganze 8 Prozent der Befragten an, sie hätten mit dem geliehenen E-Scooter eine Auto- oder Taxifahrt ersetzt. Weitere 3 Prozent hätten sich ohne Roller sogar gar nicht fortbewegt.

So ist das eben mit dem Wunschdenken, Herr S. Wer ihm selbstverliebt nachhängt, drückt Angebote in den Markt, die eigentlich niemandem etwas bringen – außer den Freunden von der schnellen Abgreiftruppe einen kleinen Zusatzgewinn. Wie kriegen wir da jetzt noch den Bogen zu einem echten Null-Emissions-Fahrzeug, dem guten alten Fahrrad zum Selbertreten? Mit Nachrichten aus den Niederlanden: Mathijs de Haas von der Universität Delft hat mit seinem Team das enorme Wachstum im Segment der E-Bikes untersucht und ihre „Forschung zeigt, dass nur Berufspendler das E-Bike als Autoersatz nutzen. Die Mehrzahl der E-Bike-Nutzer ersetzt damit das herkömmliche Rad. Das ist ein wichtiger Hinweis für politische Entscheidungsträger. E-Bikes zu bewerben, führt nicht automatisch zu einer geringeren Autonutzung.“ Die Strom-Viets führen also vor allem zu einer erhöhten Nachfrage in den fossilen Kraftwerken, der Anteil der Erneuerbaren im holländischen Strommix beträgt nämlich gerade mal 26 %. Ach, und Herr S.: Mit ‚politischen Entscheidungsträgern‘ sind wahrscheinlich Leute wie Sie gemeint.

 


Bericht des WDR über E-Scooter im Rhein
www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/e-scooter-aus-dem-rhein-100.html

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Bewertung der E-Scooter durch das Umweltbundesamt (UBA)
www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr-laerm/nachhaltige-mobilitaet/e-scooter#sind-e-scooter-umweltfreundlich

Studie zur Radnutzung in den Niederlanden
https://link.springer.com/article/10.1007/s11116-021-10195-3

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