Zahl der Woche: 7

Bild: Mariola Grobelska / Unsplash

Schmilzt der Grönländische Eisschild, steigt der Meeresspiegel um 7 Meter

„Na, das ist nichts Neues“, werden Sie jetzt vielleicht rufen, und: „Laaaangweilig!“ Irgendwann könnten das arktische Eis verschwinden und die Meere steigen. Ja, diese Prognosen sind hinlänglich bekannt – und darin liegt die stille Gefahr des allgemeinen Konsens: gehört, verstanden, weitermachen. Darüber lässt sich leicht übersehen, wann aus dem „irgendwann“ ein „jetzt“ wird. Gut, dass ein Team um Niklas Boers vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Martin Rypdal von der Universität Tromsø uns – hoffentlich – aufstört mit einer Veröffentlichung in den Proceedings of the National Academy of Sciences.

Die nicht-lineare Zunahme des Schmelzwassers, die immer stärkeren Fluktuationen von Eisverlust und -zuwachs, das Entkoppeln dieses Vorgangs vom langjährigen Mittel – all das, so die Publikation, sagt uns: Wir sind verdammt nah am „jetzt“. Denn die Muster, die das Team nun in Westgrönland nachweisen konnte, entsprechen exakt jenen, die in den letzten Jahrzehntausenden wiederholt Frühwarnanzeichen für einen abrupten Systemwechsel waren. Genau, wir haben es mit einem der Kipppunkte zu tun, die auch langsam zu einem Bestandteil der Alltagssprache werden, ohne den nötigen Alarm auszulösen. Im Tonfall sind die Autoren der Studie von Greta Thunbergs „I want you to panic“ freilich weit entfernt, doch in der Dringlichkeit keineswegs. Wenn sie von Belegen sprechen, dass „sich der zentral-westliche Teil des Grönland-Eisschildes destabilisiert hat“, meinen sie nichts anderes, als dass wir am Beginn des unaufhaltsamen Abschmelzens stehen könnten: Die Eishöhe sinkt in den Bereich tieferer, wärmerer Luftschichten, nimmt dadurch schneller ab, sinkt tiefer ins Warme … und so weiter, und so weiter. Der Kipppunkt in diesen Zustand dürfte im Temperaturbereich zwischen plus 0,8 °C und plus 3,2 °C gegenüber der letzten stabilen Klimaperiode liegen, wahrscheinlich bei plus 1,7 °C. Gerade über der Arktis erwärmt sich die Luft überproportional, weltweit befinden wir uns auf einem ‚Plus 4 °C-Pfad‘ zum Jahr 2100.

Und die Industrienation Deutschland? Ohne auf die aktuellen Berechnungen der Boston Consulting Group zu den notwendigen Maßnahmen näher einzugehen, hören wir den Klimaexperten der Gruppe Jens Burchardt: „Das Land ist aktuell weder kommunikativ noch regulatorisch auf die gravierende Transformation vorbereitet, die vor uns liegt.“
7 Meter. Was bedeutet das eigentlich? Sagen wir so: Die Landkarten in Ihrem Bücherschrank können Sie getrost wegwerfen.

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PNAS: Critical slowing down suggests that the western Greenland Ice Sheet is close to a tipping point

1 Kommentar zu Zahl der Woche: 7

  • Wenn der Klimawandel zu einem höherem Meeresspiegel führt, sollte man das in Planungen berücksichtigen. Wird das nicht getan?

    Bei diesem ganzen Streit, wo jede Seite ihre Wahrheit mit allem Mitteln verteidigt, Frage ich mich auch, ob das ganze noch wissenschaftlich ist?
    Wohin so eine Wahrheitssuche führt sieht man eindrucksvoll in den sozialen Bereichen. Viele Studien haben die Antwort schon im Design vorgegeben. Das scheint mir hier auch oft der Fall zu sein.
    Denn eigentlich weiss man, dass die Gletscher auf Grönland so mächtig sind, dass sie auch bei 8° Anstieg nicht komplett schmelzen.(1)
    Aber von “Kipppunkten” zu reden erhöht die Aufmerksamkeit.
    (1) https://www.spektrum.de/news/warmzeit-liess-groenlands-gletscher-kalt/1181984

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