Zahl der Woche: 90

90 % der weltweiten Fischbestände gelten als überfischt oder am Rande ihrer biologischen Leistungsgrenze

Das hatten sich die britischen Fischer anders vorgestellt: Ursprünglich eine der Gruppen, die den Brexit befürworteten, sind sie nun in der Realität angekommen und beklagen lautstark den in letzter Minute gefundenen Kompromiss zu den Fischereirechten. Zwar hatten die restlichen EU-Fangflotten von den reicheren Fischvorkommen in der Ausschließlichen Wirtschaftszone des Vereinigten Königreichs (AWZ) überproportional profitiert und sollten, so die Idee der englischen Kollegen, nach dem Brexit weniger Konkurrenz machen. Doch letztlich gab die EU nur ein Viertel ihrer Fangrechte an England zurück, und dass die britische Fischerei vom Export lebt, hatte man auf der Insel wohl gänzlich übersehen.

Erst 2014 war die Gemeinsame Fischereipolitik der EU (GFP) in Kraft getreten, u.a. mit dem Ziel, bis 2020 die vorherrschende Überfischung zu beenden. Nun unterliegen die Briten diesem Regelwerk nicht mehr. Damit dürfte ein Wettrennen beginnen, dessen vorrangige Verlierer die Lebewesen in der Nordsee sein werden. Denn war schon das Ziel für 2020 klar verfehlt, werden nun alle Beteiligten – Fangquoten hin oder her – erst recht versuchen sich schadlos zu halten. Die Quoten, die sich schon jeher nur halbherzig an die Empfehlungen des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES) gehalten hatten, zu ignorieren, fiel stets leicht, erfolgen doch die Kontrollen auf See mehr als mangelhaft. Zudem wird das gesamte System der sogenannten „relativen Stabilität“ obsolet, da sich die Verteilung der Fischbestände unter dem Eindruck des Klimawandels seit den 80er Jahren stark verändert hat: „Der Mix aus verfügbaren nationalen Quoten entspricht immer weniger der Realität der Fänge“, so das Thünen-Institut für Seefischerei, Bremerhaven.

Die neue Grenze macht die Situation nicht einfacher. Schon jetzt können immer weniger Produkte mit dem MSC-Siegel ausgezeichnet werden, das Fisch aus relativ nachhaltigen Fangmethoden anzeigt. Ihre Zahl dürfte weiter abnehmen, während der ökonomische Druck vor allem auf Kleinfischer wächst. Lösen wird sich das Dilemma nur, wenn VerbraucherInnen und Handel irgendwann bereit sind, mehr als gut 1 Euro je Kilogramm Fisch zu zahlen. Beim derzeitigen Erlös können sich Fischer kaum leisten, auf Radikalwerkzeug wie Kurren und Stellnetze zu verzichten.


www.proplanta.de/agrar-nachrichten/agrarpolitik/fangquoten-fuer-die-nordsee-stehen-wegen-brexits-aber-nur-vorlaeufig_article1608200596.html

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http://www.ices.dk

www.stiftung-meeresschutz.org

www.test.de/Ratgeber-Fischkauf-Arten-schuetzen-Qualitaet-erkennen-1746195-0

https://fischundfang.de/waermere-winter-fuehren-zu-weniger-heringsnachwuchs

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